Menschenrechte und Nationalsozialismus

Der Zeitpunkt der Proklamation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) während einer Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris am 10.12.1948 war kein Zufall. Wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden mit diesem Dokument erstmalig unveräußerliche Rechte formuliert, die für alle Menschen Geltung haben sollten. Im Januar 1947, und damit einige Monate nach dem Ende des Internationalen Militärtribunals von Nürnberg, begann die von den Vereinten Nationen eingesetzte Menschenrechtskommission ihre Arbeit an der Formulierung der AEMR. Das Entsetzen über das in den Nürnberger Prozessen zutage getretene Ausmaß der Verbrechen ging weit über die unmittelbar von Krieg und Besatzung betroffenen Staaten hinaus. Die Menschenrechtskommission suchte darauf eine globale menschenrechtliche Antwort, die in die AEMR mündete. Schon in der Präambel heißt es zur Begründung für die Entstehung der Erklärung unter anderem, dass »die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen […]«.

Auch wenn der Nationalsozialismus nicht konkret benannt wird, wird bei genauer Betrachtung deutlich, wie sehr die damit verbundenen Verbrechen die einzelnen Artikel in der AEMR geprägt haben. Der Historiker Johannes Morsink analysierte die in der Kommission ausgetragenen Debatten und beschreibt, dass in der Auseinandersetzung um nahezu alle dreißig Artikel dieses Dokuments Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus genommen wurde. »Bei praktisch allen debattierten Artikeln rief jemand ein spezifisches NS-Unrecht in Erinnerung und schlug Formulierungen vor, die solches Unrecht in Zukunft wenn nicht verhindern, so doch zumindest als Menschenrechtsverletzung brandmarken würde.« (Huhle 2012:4) Die der AEMR zugrundeliegende Systematik beschreibt auf diesem Hintergrund die ganze Breite des totalitären NS-Unrechtsstaats. Mit der Arbeit an den Menschenrechten sollte eine »bestmögliche Garantie« erarbeitet werden, damit sich solche Dinge in Zukunft nicht wiederholen könnten. Die menschenrechtliche Antwort auf den Nationalsozialismus liegt für den Politikwissenschaftler Rainer Huhle demnach darin, »dass sie auf besonderes Unrecht, auf spezifische historische Herausforderungen keine spezifische, sondern eine universelle sein will. […] Menschenrechte sind universell oder sie sind keine.« (Huhle 2012:11)