Menschenrechte als Orientierungsmaßstab

Darüber hinaus kann die Bezugnahme auf Menschenrechte die eigene Position schärfen, die Perspektive verändern, die eigene Argumentation fundieren und in der Auseinandersetzung mit rechten Positionen in Schule und Alltag dazu beitragen, den Schüler/innen den Rücken zu stärken. Ob es um Asylsuchende geht, die in Deutschland leben, wie in dem Film Wer Gewalt sät… oder um wohnungslose Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven Tag und Nacht im öffentlichen Raum verbringen, wie in dem Film Das Leben des Norbert Plath, sind Menschenrechte wie hier z.B. das Recht auf Asyl bzw. das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Schutz vor gewalttätigen Übergriffen unmittelbar berührt.

Dabei stellen die Menschenrechte den zugrundeliegenden Maßstab dar, anhand dessen diskriminierendes Verhalten und Strukturen überhaupt erst ermessen werden können und dessen Missachtung rechtsextreme Ideologien charakterisiert. Es kann eben nicht vorausgesetzt werden, dass die Idee der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen eine ganz selbstverständlich voraussetzbare Überzeugung ist, an die im Unterricht appelliert werden kann. Daher ist es in einer Bildungsarbeit, die sich mit Diskriminierung beschäftigt, unverzichtbar, Maßstäbe zu erarbeiten, anhand derer bestehende Ungleichheiten sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse kritisiert werden können. Der Wert einer an den Menschenrechten orientierten Bildung liegt darin, dass diese einen kritischen Maßstab darstellt, an dem sich Auseinandersetzungen um Haltungen und Einstellungen jenseits von Glauben, Herkunft und Weltanschauung messen müssen. Denn jede argumentative Auseinandersetzung über Vorurteile, Ideologien, Diskriminierung setzt einen gemeinsamen Horizont von Kriterien und Bewertungsmaßstäben derjenigen voraus, die daran beteiligt sind (vgl. Hormel/Scherr).

»Ohne die Anerkennung des Postulats allen Einzelnen unabhängig von Nationalität, Religionszugehörigkeit, Geschlecht und ›Rasse‹ gleichermaßen zukommender Rechte, kann faktische Rechtlosigkeit nicht kritisiert werden. Ohne die Anerkennung des Postulats der Gleichheit aller Individuen und der daraus abgeleiteten Ablehnung rassistischer und geschlechtsbezogener Ungleichbehandlung ist keine Verständigung darüber möglich, dass Diskriminierung ein Problem ist – also nicht nur einen empirisch feststellbaren Sachverhalt darstellt. Selbst eine Kritik rassistischer [...] Gewalt findet nur dann Resonanz [...], wenn sie an die Norm appellieren kann, dass physische Gewalt kein legitimes Mittel der Konfliktaustragung und der Interessensdurchsetzung ist.« (Hormel/Scherr 2004:132). Oft wird ein entsprechender Konsens als selbstverständlich vorausgesetzt, ohne dass dieser explizit dargestellt und begründet oder in der pädagogischen Praxis erarbeitet wird. Wenn jedoch vorab auf solche Klärungen im Lernprozess verzichtet wird, sind pädagogische Bemühungen, die auf Aufklärung über Formen der Diskriminierung zielen, häufig zum Scheitern verurteilt. Dass beispielsweise rassistische Ideologien, die eine Ungleichbehandlung rechtfertigen, kritikbedürftig sind, kann nicht allein empirisch begründet werden. Es kann zwar inhaltlich vermittelt werden, dass es keine menschlichen »Rassen« im Sinne des biologischen Rassismus gibt, sprich: keine Entsprechung von Körpermerkmalen und Persönlichkeitseigenschaften, jedoch nicht, dass es aus diesem Grund auch unzulässig ist, Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu diskriminieren. Dieser Schluss ist vielmehr erst dann zwingend, wenn gleichzeitig Übereinstimmung darin besteht, dass allen Individuen gleiche Rechte und Chancen zukommen.