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  1. Einleitung
  2. Menschenrechte und Nationalsozialismus
  3. Universalität und Gleichheitsanspruch
  4. Menschenrechtsbildung und Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus – ein Paradox?
  5. Opferperspektive einnehmen – ein erster Schritt zum Schutz der Menschenrechte
  6. Menschenrechte als Orientierungsmaßstab
  7. Eckpunkte der Menschenrechtsbildung
  8. Menschenrechtliche Impulse in der pädagogischen Arbeit gegen rechts (Teil 1)
  9. Menschenrechtliche Impulse in der pädagogischen Arbeit gegen rechts (Teil 2)

 

Menschenrechtsbildung im Kontext von Rechtsextremismusprävention

Anne Thiemann

Menschenrechte sind der Kontrapunkt zu den Verbrechen und der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten. Historisch gesehen sind die Menschenrechte eine Reaktion auf die Verbrechen im Nationalsozialismus.14 Ihnen liegt die Frage zugrunde, wie es möglich sein kann, Menschen – und zwar allen Menschen – ein gutes Leben frei von staatlicher Willkür und Gewalt, von Furcht und Not zu ermöglichen, und was es bedarf, um dieses zu schützen. Damit formulieren Menschenrechte eine Vision des gleichberechtigten Miteinanders. Mit diesem Bild sind sie ein Kontrapunkt auch zur aktuellen rechten Bewegung, zu deren Gewalt und Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen.

Mit dem vorliegenden Heft empfehlen wir Filme zur pädagogischen Auseinandersetzung mit aktuellem Rechtsextremismus. In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, inwiefern Menschenrechtsbildung hierfür eine sinnvolle und aus unserer Sicht unabdingbare Perspektive ist, oder sein sollte. Damit betreten wir Neuland. Es gibt bislang wenige Erfahrungen, wie Menschenrechtsbildung konkreter mit der pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus zusammengedacht werden kann. Insofern wird der folgende Artikel versuchen, eine Annäherung an die aufgeworfene Fragestellung zu ermöglichen bzw. die Bereiche Menschenrechtsbildung, Rechtsextremismusprävention und die Arbeit mit Film zusammenzubringen.

Zunächst wenden wir uns der Geschichte zu und fragen, inwiefern Menschenrechte wie wir sie heute kennen, bereits in ihrer Entstehungsgeschichte mit dem Nationalsozialismus verbunden sind. In diesem Zusammenhang wird der Schutz vor Diskriminierung als ganz zentrales Anliegen der Menschenrechte herausgestellt. Dieser Schutz wird in allen in dieser Broschüre empfohlenen Filmen im Kontext rechter Ideologien und Gewalt thematisch berührt und meist massiv verletzt. Aus pädagogischer Sicht schließt sich die Frage an, inwieweit durch Filme, in denen die Verletzung von Menschenrechten gezeigt werden, dennoch über Menschenrechte gelernt werden kann, oder ob dies ein Widerspruch in sich selbst ist. Auf diese Frage versuchen wir zwei Antworten zu formulieren, um abschließend bereits bestehende menschenrechtliche Impulse in der Rechtsextremismusprävention zu skizzieren.


 

Menschenrechte und Nationalsozialismus

Der Zeitpunkt der Proklamation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) während einer Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris am 10.12.1948 war kein Zufall. Wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden mit diesem Dokument erstmalig unveräußerliche Rechte formuliert, die für alle Menschen Geltung haben sollten. Im Januar 1947, und damit einige Monate nach dem Ende des Internationalen Militärtribunals von Nürnberg, begann die von den Vereinten Nationen eingesetzte Menschenrechtskommission ihre Arbeit an der Formulierung der AEMR. Das Entsetzen über das in den Nürnberger Prozessen zutage getretene Ausmaß der Verbrechen ging weit über die unmittelbar von Krieg und Besatzung betroffenen Staaten hinaus. Die Menschenrechtskommission suchte darauf eine globale menschenrechtliche Antwort, die in die AEMR mündete. Schon in der Präambel heißt es zur Begründung für die Entstehung der Erklärung unter anderem, dass »die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen […]«.

Auch wenn der Nationalsozialismus nicht konkret benannt wird, wird bei genauer Betrachtung deutlich, wie sehr die damit verbundenen Verbrechen die einzelnen Artikel in der AEMR geprägt haben. Der Historiker Johannes Morsink analysierte die in der Kommission ausgetragenen Debatten und beschreibt, dass in der Auseinandersetzung um nahezu alle dreißig Artikel dieses Dokuments Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus genommen wurde. »Bei praktisch allen debattierten Artikeln rief jemand ein spezifisches NS-Unrecht in Erinnerung und schlug Formulierungen vor, die solches Unrecht in Zukunft wenn nicht verhindern, so doch zumindest als Menschenrechtsverletzung brandmarken würde.« (Huhle 2012:4) Die der AEMR zugrundeliegende Systematik beschreibt auf diesem Hintergrund die ganze Breite des totalitären NS-Unrechtsstaats. Mit der Arbeit an den Menschenrechten sollte eine »bestmögliche Garantie« erarbeitet werden, damit sich solche Dinge in Zukunft nicht wiederholen könnten. Die menschenrechtliche Antwort auf den Nationalsozialismus liegt für den Politikwissenschaftler Rainer Huhle demnach darin, »dass sie auf besonderes Unrecht, auf spezifische historische Herausforderungen keine spezifische, sondern eine universelle sein will. […] Menschenrechte sind universell oder sie sind keine.« (Huhle 2012:11)


 

Universalität und Gleichheitsanspruch

Den Menschenrechten liegt ein universeller Anspruch zugrunde, der auf dem Respekt vor der gleichen Würde jedes einzelnen Menschen basiert. Artikel 1 der AEMR lautet: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« Kürzer lässt sich die Kernbotschaft der Menschenrechte nicht zusammenfassen. Gleiche Rechte für alle oder keine!

Daraus folgt dann in Artikel 2 unmittelbar der Schutz vor Diskriminierung, mit dem ein deutliches Gegengewicht zu menschenverachtenden Ungleichheitsideologien gesetzt wird. Der Artikel schreibt fest, dass alle Rechte innerhalb der AEMR allen Menschen ohne Unterschied zukommen müssen und benennt eine Liste möglicher Diskriminierungsmerkmale, gegen die diese Rechte zu verteidigen seien. Auch dieser Merkmalskatalog ist keinesfalls zufällig, sondern aus der historischen Situation heraus zu verstehen. Die Tatsache, dass »Rasse« an erster Stelle genannt wird, beruht auf der entschiedenen Zurückweisung rassistischer Diskriminierung, und auch die folgenden Merkmale wie Sprache, Religion, politische Überzeugung sind eine Reaktion auf die nationalsozialistische Diskriminierungs- und Vernichtungspolitik (vgl. Huhle). Allerdings werden in der Aufzählung nicht alle Opfergruppen der Nazis mit einbezogen. Die Nicht-Benennung von Menschen beispielsweise mit Behinderung, wie auch von Lesben und Schwulen, zeugt von der historischen Tabuisierung dieser Gruppen zum damaligen Zeitpunkt und dementsprechend fehlender Lobby bei den Vereinten Nationen. Erst nach jahrelangen weltweiten Kämpfen von Lesben-, Schwulen- und Behindertenselbstorganisationen fanden diese zu einem viel späteren Zeitpunkt Gehör im Menschenrechtsdiskurs. Menschenrechte sind somit als fortlaufende »unabgeschlossene Lerngeschichte« zu begreifen (vgl. Bielefeldt). Sie sind so formuliert, dass sie Spielraum für Entwicklung und Interpretation lassen.

So ist beispielsweise die Auseinandersetzung um das Recht auf freie Meinungsäußerung (Artikel 19) bis heute sehr aktuell. Schon in der Menschenrechtskommission wurden mögliche Beschränkungen dieses Rechts lebhaft diskutiert und zeitweise Einschränkungen von kommunistischen und antifaschistischen Delegierten befürwortet, wenn das Recht auf freie Meinungsäußerung für die Verbreitung faschistischen Gedankenguts missbraucht würde. Heute werden in vielen Ländern Debatten um »Hate Speech«, Verbot der »Holocaust-Lüge« und allgemein »Grenzen der Redefreiheit für Feinde der Freiheit« juristisch und politisch geführt. Der Film Das braune Chamäleon greift in diesem Zusammenhang die Diskussion rund um rechte Symbolik an Kleidung und Styling auf.


 

Menschenrechtsbildung und Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus – ein Paradox?

Menschenrechten liegt ein universeller Anspruch auf Gleichheit, Gleichwertigkeit und gleichen Rechten für alle Menschen zugrunde. Diesem Ziel soll über die Umsetzung von konkreten Rechten und über die Schaffung einer »Kultur der Menschenrechte« (UNESCO) nähergekommen werden. Dabei steht die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, und damit mit Rassismus und anderen menschenverachtenden Ideologien, im Zentrum von Konzepten der Menschenrechtsbildung. Es geht um die Bewältigung von Alltagskonflikten ebenso wie um die Sensibilisierung für Ungleichbehandlung auf politischer, rechtlicher und institutioneller Ebene, um die Ethnisierung sozialer Probleme, wie auch um offen ausgesprochene oder schnell mobilisierbare rassistische und rechtsextreme Haltungen.

Die in dieser Handreichung empfohlenen Filme erzählen Geschichten, in denen Menschenrechte massiv verletzt werden. Wenn Neonazis Menschen umbringen, weil sie aus ihrer Sicht »weniger wert« sind, widerspricht nicht nur die Tat, sondern auch die zugrundeliegende Überzeugung, dass Menschen unterschiedlich viel Wert haben, zutiefst dem Kernanliegen der Menschenrechte.

Dies wirft grundsätzlich die Frage auf, ob eine Sensibilisierung für Menschenrechte im pädagogischen Kontext überhaupt »funktionieren« kann, wenn die Negation dieser Rechte oder deren brachiale Außerkraftsetzung filmisch dargestellt ist, beispielsweise durch rassistisch motivierte Übergriffe, wie im Film Kriegerin. Anders gesagt: Wie soll es für Lehrkräfte möglich sein, glaubhaft zu vermitteln, dass Menschenrechte wichtig sind, wenn im Film das Gegenteil gezeigt wird. Dieser Widerspruch bzw. die damit verbundene Frage nach der Sinnhaftigkeit ist nicht neu. Sie wird im pädagogischen Kontext auch im Zusammenhang mit der Erziehung nach Auschwitz diskutiert und aufgeworfen, wenn Nationalsozialismus und Holocaust als Lernfelder für die Menschenrechte beansprucht werden (vgl. Hormel/Scherr). In der Praxis und in Fachdiskursen gibt es hierzu keine einfachen und keine generellen Antworten. Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, dieses Paradox reflexiv einzuholen und damit so zu arbeiten, dass Menschenrechte anerkannt und wertgeschätzt werden, und es Aufgabe jeder/s Einzelnen ist, auf deren Umsetzung zu achten. Für das vorliegende Filmheft nehmen wir eine spezifische Perspektive ein, die auf das geschilderte didaktische Problem eine mögliche Antwort gibt.


 

Opferperspektive einnehmen – ein erster Schritt zum Schutz der Menschenrechte

Die von uns begründet ausgesuchten und empfohlenen Filme sind aus unserer Sicht nicht einfach nur Unterrichtsmaterial, das in seiner Verwendung auf ein vorher festgelegtes ethisch-moralisches Lernziel abzielt. In den Filmen, wie auch in den entwickelten Arbeitsaufgaben, steht vor allem die Sichtbarmachung der von Gewalt und Diskriminierung Betroffenen im Fokus. Lernende sollen – so unsere Intention bei der Entwicklung der Broschüre – die Möglichkeit erhalten, sich diesen Menschen, ihrer Geschichte und im Konkreten ihrer Unrechtserfahrung anzunähern. Ihre Geschichte und ihr konkretes Leiden sind nicht bloßes Anschauungsmaterial oder didaktisches Mittel, mit dem Ziel Menschenrechte zu thematisieren, sondern es geht uns um sie als Menschen, denen hier in Deutschland schweres Unrecht widerfahren ist. Von den Menschenrechten ausgehend ist die Fokussierung der Menschen, deren Rechte verletzt und ihnen abgesprochen werden, eine notwendige pädagogische und politische Positionierung. Es geht um eine von Empathie und Interesse geleitete deutliche Hinwendung zu den Betroffenen und Opfern von Diskriminierung und Gewalt.

Vor diesem Hintergrund plädieren wir dafür, eben genau diese Filme zu zeigen und in einen menschenrechtlichen Kontext zu stellen, statt Filme auszuwählen, die um die Täter/innen kreisen. Dies ist nicht nur ein Signal an diejenigen, die sich als Anhänger/innen rechter Ideologie positionieren, sondern vor allem auch als solidarisches Zeichen an Jugendliche, die Minderheitengruppen angehören und damit häufig Diskriminierung erleben und potenzielle Zielscheibe rechter Angriffe sein können.


 

Menschenrechte als Orientierungsmaßstab

Darüber hinaus kann die Bezugnahme auf Menschenrechte die eigene Position schärfen, die Perspektive verändern, die eigene Argumentation fundieren und in der Auseinandersetzung mit rechten Positionen in Schule und Alltag dazu beitragen, den Schüler/innen den Rücken zu stärken. Ob es um Asylsuchende geht, die in Deutschland leben, wie in dem Film Wer Gewalt sät… oder um wohnungslose Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven Tag und Nacht im öffentlichen Raum verbringen, wie in dem Film Das Leben des Norbert Plath, sind Menschenrechte wie hier z.B. das Recht auf Asyl bzw. das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Schutz vor gewalttätigen Übergriffen unmittelbar berührt.

Dabei stellen die Menschenrechte den zugrundeliegenden Maßstab dar, anhand dessen diskriminierendes Verhalten und Strukturen überhaupt erst ermessen werden können und dessen Missachtung rechtsextreme Ideologien charakterisiert. Es kann eben nicht vorausgesetzt werden, dass die Idee der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen eine ganz selbstverständlich voraussetzbare Überzeugung ist, an die im Unterricht appelliert werden kann. Daher ist es in einer Bildungsarbeit, die sich mit Diskriminierung beschäftigt, unverzichtbar, Maßstäbe zu erarbeiten, anhand derer bestehende Ungleichheiten sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse kritisiert werden können. Der Wert einer an den Menschenrechten orientierten Bildung liegt darin, dass diese einen kritischen Maßstab darstellt, an dem sich Auseinandersetzungen um Haltungen und Einstellungen jenseits von Glauben, Herkunft und Weltanschauung messen müssen. Denn jede argumentative Auseinandersetzung über Vorurteile, Ideologien, Diskriminierung setzt einen gemeinsamen Horizont von Kriterien und Bewertungsmaßstäben derjenigen voraus, die daran beteiligt sind (vgl. Hormel/Scherr).

»Ohne die Anerkennung des Postulats allen Einzelnen unabhängig von Nationalität, Religionszugehörigkeit, Geschlecht und ›Rasse‹ gleichermaßen zukommender Rechte, kann faktische Rechtlosigkeit nicht kritisiert werden. Ohne die Anerkennung des Postulats der Gleichheit aller Individuen und der daraus abgeleiteten Ablehnung rassistischer und geschlechtsbezogener Ungleichbehandlung ist keine Verständigung darüber möglich, dass Diskriminierung ein Problem ist – also nicht nur einen empirisch feststellbaren Sachverhalt darstellt. Selbst eine Kritik rassistischer [...] Gewalt findet nur dann Resonanz [...], wenn sie an die Norm appellieren kann, dass physische Gewalt kein legitimes Mittel der Konfliktaustragung und der Interessensdurchsetzung ist.« (Hormel/Scherr 2004:132). Oft wird ein entsprechender Konsens als selbstverständlich vorausgesetzt, ohne dass dieser explizit dargestellt und begründet oder in der pädagogischen Praxis erarbeitet wird. Wenn jedoch vorab auf solche Klärungen im Lernprozess verzichtet wird, sind pädagogische Bemühungen, die auf Aufklärung über Formen der Diskriminierung zielen, häufig zum Scheitern verurteilt. Dass beispielsweise rassistische Ideologien, die eine Ungleichbehandlung rechtfertigen, kritikbedürftig sind, kann nicht allein empirisch begründet werden. Es kann zwar inhaltlich vermittelt werden, dass es keine menschlichen »Rassen« im Sinne des biologischen Rassismus gibt, sprich: keine Entsprechung von Körpermerkmalen und Persönlichkeitseigenschaften, jedoch nicht, dass es aus diesem Grund auch unzulässig ist, Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu diskriminieren. Dieser Schluss ist vielmehr erst dann zwingend, wenn gleichzeitig Übereinstimmung darin besteht, dass allen Individuen gleiche Rechte und Chancen zukommen.


 

Eckpunkte der Menschenrechtsbildung

»Das Gewissen«, hatte Hitler in »Mein Kampf« geschrieben, sei eine »jüdische Erfindung«, eine für Herrenmenschen unbrauchbare Kategorie. Und weiter: »Nein, es gibt nur ein heiligstes Menschenrecht, und dieses Menschenrecht ist zugleich die heiligste Verpflichtung, nämlich dafür zu sorgen, dass das Blut rein erhalten bleibt […]«. Rainer Huhle sieht in dieser bewussten und radikalen Negation der Menschenrechte durch Hitler den Gegensatz von Barbarei und Menschlichkeit auf seine einfachste Formel gebracht, an der jede Menschenrechtsbildung ihren Ausgang nimmt (vgl. Huhle 2012).

Die Anerkennung der Heterogenität von Menschen, ihre Gleichwertigkeit und der Schutz vor Diskriminierung müssen zentraler Bestandteil jeder menschenrechtsbasierten Pädagogik sein. Die Umsetzung der Menschenrechte ist nur möglich, wenn sie auf breiter Ebene in gesellschaftlichen Lernprozessen von der Bevölkerung mitgetragen wird. Daher war die Entwicklung der Menschenrechte von Beginn an auch ein pädagogisches Projekt und die verpflichtende Bildung über Menschenrechte Bestandteil zahlreicher Abkommen, wie z.B. der Anti-Rassismus-Konvention, der Kinderrechtskonvention und der Behindertenrechts-konvention.

Menschenrechte müssen vermittelt und gelernt werden, wenn sie geachtet und wirksam werden sollen. Menschen können ihre Rechte und die anderer nur dann einfordern, wenn sie diese kennen und ihre Bedeutung verstehen gelernt haben. Eines der zentralen Bildungsziele liegt in der »Vermeidung und Prävention von rassistischen, diskriminierenden und anderen benachteiligenden und gewaltnahen Einstellungen, Haltungen und Verhaltensformen« (UNESCO).

Menschenrechtsbildung wird dabei weitgehend als handlungsorientierter, auf die Verwirklichung der Menschenrechte ausgerichteter Lernprozess verstanden, der sich auf drei Ebenen vollzieht: Lernen über Menschenrechte (Wissen und Verstehen), Lernen durch Menschenrechte (Einstellungen, Haltungen und Werte) und Lernen für Menschenrechte (Kompetenzen, Fertigkeiten).

»Menschenrechtserziehung gehört zum Kernbereich des Bildungs- und Erziehungsauftrages von Schule […]«, so postuliert die deutsche Kultusministerkonferenz im Jahr 2000, allerdings ohne nennenswerte Resonanz. In schulischen Curricula, in Schulbüchern und in der Lehrer/innen-Aus- und –fortbildung ist Menschenrechtsbildung in Deutschland bislang nur marginal verankert. Ein Versäumnis, das bei den Vertragsausschüssen der Vereinten Nationen (z.B. UN-Ausschuss zur Kinderrechtskonvention), welche die Umsetzung der Menschenrechte in den einzelnen Ländern begleiten und vorantreiben, seit Jahren kritisiert wird. Dies ist gerade auch im Kontext der jahrelang geleugneten Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, von hoher Bedeutung.


 

Menschenrechtliche Impulse in der pädagogischen Arbeit gegen rechts

Die Anschlussfähigkeit rechten Gedankenguts an die Diskurse der Mitte der Gesellschaft, lässt darauf schließen, dass es in allen Klassen- (und auch Lehrer-) Zimmern Menschen gibt, die bereits Berührungspunkte mit einer der vielfältigen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus hatten. Dem muss in der pädagogischen Praxis langfristig, kontinuierlich und konsequent begegnet werden, und nicht, wie es häufig passiert, lediglich situativ als Reaktion auf rechte Übergriffe. Zielgruppe sollten dabei alle Schüler/innen sein. Viele Jugendliche erproben Einstellungen und Haltungen und schwanken deshalb stärker als Erwachsene zwischen rigiden Denkstereotypen und offeneren, liberaleren Einstellungen, welche demokratische Züge beinhalten, aber Vorurteile gegenüber Minderheitengruppen nicht ausschließen.

Unter Bildungsarbeiter/innen besteht Einigkeit darüber, dass der »Kern« rechtsextremer Täter/innen und Unterstützer/innen über politische Bildung kaum erreicht werden kann. In der Schule kann beobachtet werden, dass diese gezielt weghören und an Veranstaltungen außerschulischer Bildungsarbeit – außer zu agitieren – nicht freiwillig teilnehmen. Allerdings sehen Glaser/Johansson in Kooperationsprojekten zwischen Schule und außerschulischer Bildung durchaus ein Potenzial zur Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen, das bislang zu wenig genutzt wird (vgl. Glaser/Johansson 2012). In den letzten Jahren wurden in einer Vielzahl von Projekten zu Rechtsextremismus und Rassismus handlungsorientierte, spielerisch-kreative Zugänge und Lernsettings in der außerschulischen Bildungsarbeit entwickelt, die spezifische Möglichkeiten eröffnen, Jugendliche aus bildungsfernen Milieus einzubinden, in denen rechte Orientierungen verstärkt anzutreffen sind.

Eine grundsätzliche Herausforderung pädagogisch präventiver Arbeit gegen Rechtsextremismus liegt in der Schaffung langfristiger, unterstützender Rahmenbedingungen. Auf politischer Ebene ist es erforderlich, jede rechtsextreme Gewalttat öffentlich zu thematisieren und strafrechtlich zu verfolgen, auch um ein klares Zeichen für die Menschenrechte als gelebter gesellschaftlicher Ethik zu setzen, und in einem demokratischen Sinne zu erhalten.
Die Projekte müssen von weiteren Maßnahmen flankiert werden, wie der Schaffung angemessener Ausstattung und Finanzierung der Projekte, der Qualifikation der Mitarbeitenden und eine stärkere Verankerung und Implementierung des Themenfeldes in sozialpädagogischen und anderen Ausbildungsstudiengängen. Zudem wird deutlich, dass Bildungsmaßnahmen, die auf die Veränderung rassistischen Denkens, rassistischer Haltungen und Handlungen abzielen, nur dann nachhaltig sind, wenn die Maßnahmen in der Schule adäquat eingebettet und nachbereitet, Inhalte wiederholt und positiv verstärkt werden und nicht auf ein Schulklima treffen, das die Inhalte der Bildungsangebote – wenn auch indirekt – konterkariert. Es braucht eine stärker menschenrechtsbasiert ausgerichtete schulische Gesamtorientierung mit Diskriminierung als zentralem Thema, wie es in einigen Einwanderungsstaaten wie beispielsweise in Großbritannien und Kanada bereits seit Jahren praktiziert wird (vgl. Hormel/Scherr 2004).


 

Dabei wird in demokratiepädagogischen Ansätzen, wie sie gerade auch in der außerschulischen Bildungsarbeit praktiziert werden, ein wirkungsvolles Instrument zur Prävention gesehen. Eigene Gestaltungsfähigkeit und die Anerkennung in der Gruppe vermindern die Anziehung durch die Ausgrenzungs- und Gewaltideologien der Rechten, so die Beobachtung. Mittels demokratiepädagogischer Projekte kann ein kognitiv und moralisch stabiles Wissen angeeignet werden, das Pluralität, Individualisierung und die Kompetenz zur Aushandlung von in der Demokratie notwendigen Konflikten vermittelt. Damit soll auch der »Politikverdrossenheit« unter Jugendlichen etwas entgegengesetzt werden, die eine Rekrutierungshilfe für die rechte Szene darstellt und damit eine gefährliche antidemokratische Politisierung begünstigt. Inhaltlich sollte sich Bildungsarbeit dabei immer auch mit den wesentlichen ideologischen Feldern des modernen Rechtsextremismus wie Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus beschäftigen, um vor Ort entwickelte Erscheinungsformen frühzeitig erkennen und analysieren zu können.

Im Kontext von Demokratie-Lernen weist die Pädagogin Christa Kaletsch auf die hohe Bedeutung der Kommune und der hier zu schaffenden Partizipationsräume im Kontext der Auseinandersetzung mit der extremen Rechten hin (vgl. Kaletsch 2012). Zur Stärkung und Weiterentwicklung einer demokratischen Kultur als kontinuierliche Aufgabe gegen rechte Tendenzen muss immer wieder danach gefragt werden, ob die Bedürfnisse wirklich aller in der Kommune lebenden Menschen berücksichtigt werden und ob tatsächlich auch alle ihre Bedürfnisse artikulieren können.

Damit wird einer Strategie der rechten Szene, nämlich »Lufthoheit« bzw. »kulturelle Hegemonie« zu erlangen, etwas entgegengesetzt. Wichtig ist, den Rechten weder im Diskurs noch vor Ort den Raum zu überlassen. Das Auftreten von Diskriminierungs- und Gewaltvorfällen muss in der Kommune zu Reaktionen führen und zum Anlass genommen werden, sich als Gemeinde aktiv einer inklusiven, demokratischen Kultur des Miteinanders zu versichern und gemeinsam Wege für einen aktiven Menschenrechtsschutz zu entwickeln. Ziel muss es sein, die Deutungshoheit über die Normen des Zusammenlebens vor Ort nicht aus der Hand zu geben.

Zudem stehen in der Auseinandersetzung um konkrete Vorfälle vor Ort, häufig ausschließlich die Täter/innen im Fokus des Interesses und die Perspektive der Opfer von Diskriminierung und Gewalt wird in diesem Prozess kaum wahrgenommen. Mittels dieser Praxis werden die Verletzungen der Betroffenen unsichtbar gemacht und folglich diskriminierende Praktiken reproduziert bzw. Gewöhnungsprozesse in Kauf genommen. Betroffene leiden häufig unter Relativierung oder gar Leugnung ihrer Erfahrungen. Hier muss im Sinne inklusiver Prozesse unbedingt gegengesteuert werden.

Abschließend wollen wir noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückkommen, ob und wie eine Bezugnahme auf die Menschenrechte die pädagogische Arbeit gegen Rechts stärken und welche Rolle dabei dem Medium Film zukommen kann. Menschenrechte bilden einen kritischen Maßstab, mit dem Diskriminierung und Gewalt als solche erkannt und begründet werden können. Damit schaffen sie Orientierung und Stärkung der eigenen Position. Darüber hinaus fordern die Menschenrechte dazu auf, in den Blick zu nehmen, wessen Rechte nicht geachtet oder sogar willentlich verletzt werden. In der Auseinandersetzung um rechtsorientierte öffentliche Angriffe und Gewalttaten ist damit eine deutliche und empathische Positionierung an der Seite der Angegriffenen notwendig. Gerade hier leisten Filme, wie Nach dem Brand und andere in dieser Broschüre empfohlenen Filme einen bedeutenden Diskussionsbeitrag.

 


Verwendete Literatur

  • Bielefeldt, Heiner: Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft, Bielefeld 2007.
  • Glaser, Michaela; Johansson, Susanne: Außerschulische und schulische Bildung zu Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, in: Boos, Bernadette u. Engelmann, Reiner (Hrsg.): »Gewalt von Rechts!«, Karlsruhe 2012.
  • Hormel, Ulrike; Scherr, Albert: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft, Wiesbaden 2004.
  • Huhle, Rainer: »Der Schutz der Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg – eine Antwort auf den Nationalsozialismus?«, in: Gedenkstättenrundbrief, Berlin Bd. 167 2012 S.3-15.
  • Kaletsch, Christa: »Für Partizipation und Pluralität« – Konzeptionelle Impulse aus Demokratiepädagogik und Menschenrechtsbildung, in: Bundschuh, Stefan u.a. (Hg.): Wegweiser Jugendarbeit gegen Rechtsextremismus, Bonn 2012.
  • Edna Bejarano, Sängerin der Band Coincidence, im Tonstudio.

Fußnoten:

14 Auch der Kampf anti-kolonialistischer Befreiungsbewegungen war ein wichtiger historischer Antrieb für die Entstehung des modernen Menschenrechtsschutzes.