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  1. Einleitung
  2. Pädagogik mit dem Medium Film – besondere Optionen
  3. Offenes Diskutieren über rechtsextreme Positionen?
  4. Eine Frage der Filmauswahl
  5. Geringe Aufmerksamkeit für die von Rassismus und rechter Gewalt Betroffenen
  6. Faszination Neonazis
  7. Spielfilme aus Perspektive rechtsextrem Orientierter
  8. Herausforderungen für die Pädagogik – Die Identifikationsfalle und unreflektierte Bilder vom »richtigen Kerl«
  9. Mehrere Perspektiven eröffnen – weg von der Täterzentrierung
  10. Unsere Filmauswahl, pädagogisch begründet

 

Dokumentar- und Spielfilme zum Thema Rechtsextremismus.

Pädagogische Überlegungen

Heike Radvan/ Julia Stegmann

Mit dieser Broschüre reagiert die Amadeu Antonio Stiftung auf den Wunsch von Pädagog/innen, Anregung und Unterstützung zu erhalten für die Thematisierung von Neonazismus mit dem Medium Film. Immer wieder kontaktieren Lehrer/innen die Stiftung und fragen nach Filmen, die für eine Auseinandersetzung mit rechten Positionen geeignet sind. Wenn sie beobachten, dass Schüler/innen sich rechtsextrem orientieren, wollen sie mit ihnen ins Gespräch kommen, und sie darüber aufklären, welches menschenverachtende Weltbild hiermit verbunden ist. Zudem suchen Pädagog/innen Unterstützung, die bereits mit gängigen Spielfilmen, wie etwa American History X2, gearbeitet haben und damit konfrontiert waren, dass Schüler/innen ihre Sympathie mit den dargestellten Neonazis äußern.3 Was tun, wenn Jugendliche während der Filmvorführung aufspringen und den Hitlergruß zeigen? Viele Lehrer/innen sind verunsichert, wie sie in der Situation und im Weiteren reagieren sollen. Dass diese pädagogischen Probleme nicht nur mit der Institution Schule, den Fachkräften selbst und einer gesamtgesellschaftlichen Atmosphäre, sondern auch mit der Form der Darstellung in den Filmen zusammenhängen, leuchtet unmittelbar ein, wenn man bekannte Filme über Rechtsextremismus ansieht, die von verschiedenen Institutionen für die pädagogische Arbeit zum Thema empfohlen werden.

Insofern ist die vorliegende Broschüre mit ihrer Filmauswahl eine Antwort auf diese – bereits seit vielen Jahren bestehende - Problematik. Wir wollen damit diejenigen Personen unterstützen, die sich mit rechtsextremer Ideologie und ihren Konsequenzen im Klassenraum oder im Jugendclub auseinandersetzen wollen.
Dabei verstehen wir Rechtsextremismus4 als ein Phänomen, das alle Mitglieder der Gesellschaft angeht. Es handelt sich nicht um ein Problem, das lediglich von einzelnen Gruppen an einem »rechten Rand« verursacht wird, wie es die vom Verfassungsschutz vertretene Definition von Extremismus nahelegt. Uns geht es um eine Auseinandersetzung mit in allen Teilen der Gesellschaft verbreiteten Ideologien der Ungleichwertigkeit. Rassistische, antisemitische oder sexistische Positionen werden weitgehend unabhängig von Alter, Bildungsgrad, ökonomischem Status oder Geschlecht von vielen Personen vertreten. Diese Einstellungen begünstigen eine Alltagskultur, die von Ausgrenzung, Ungleichwertigkeit und Gewalt geprägt ist. Den als »anders«, »fremd« und »feindlich« stigmatisierten Betroffenen werden gleiche Rechte abgesprochen. Dies wirkt sich negativ auf ihre Lebenschancen aus, etwa wenn Zugänge zu gesellschaftlich bedeutsamen Ressourcen wie Bildung oder gleich bezahlter Arbeit erschwert oder gänzlich verwehrt werden. Ideologien der Ungleichwertigkeit bieten zudem Anschlussmöglichkeiten für rechtsextreme Positionen. Insbesondere Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus sind in der Alltagssprache und im Alltagsbewusstsein vieler Personen verankert und gehen oft einher mit Rechtspopulismus, Europakritik, Islamfeindlichkeit, Homophobie5. Es ist Aufgabe von allen sich demokratisch verstehenden Menschen, rechten Ideologien und deren Fragmenten nachvollziehbar begründet entgegenzutreten. Das heißt auch, eigene verinnerlichte Stereotypen, diskriminierende Einstellungen und nicht zuletzt eigene Privilegien wahrzunehmen und zu hinterfragen. Auch dazu soll dieses Heft motivieren und Unterstützung geben.

Der Broschüre liegt die Analyse zugrunde, dass diejenigen Filme zum Thema, die in Deutschland nach 1990 öffentlich diskutiert und bekannt wurden, aus einer spezifischen Perspektive erzählen. Im Vordergrund stehen häufig männliche Jugendliche, die sich in rechte Szenen hinein orientieren oder bereits gefestigte Mitglieder sind. In der Mehrzahl der Filme wird versucht, die Motivation dieser Jugendlichen individuell und nicht selten psychologisierend zu erklären. So werden biografische Krisen beschrieben, etwa der Verlust des bisherigen Umfeldes oder Auseinandersetzungen mit überforderten, alleinerziehenden Eltern. Die Bedeutung rechtsextremer Meinungen für Einstiege in rechte Gruppierungen – individuell und im Umfeld der Protagonisten vertreten – gerät demgegenüber aus dem Blick. In diesen Filmen erfährt man wenig über rechte Strukturen und ihre Inhalte. Dethematisiert bleiben zudem die von rechter Gewalt Betroffenen und ihre Perspektive (vgl. Stegmann 2010). Aus der daraus resultierenden Fokussierung auf die Täter ergeben sich für die pädagogische Arbeit verschiedene Probleme, die sich mit den Worten »Identifikationsfalle« und »mangelnder Perspektivwechsel« zusammenfassend beschreiben lassen. Für die Arbeit im Klassenzimmer und im Jugendclub bieten sich u.E. vielmehr Filme an, die sich dem Problem Rechtsextremismus mehrperspektivisch nähern und auch den Standort derjenigen Menschen einnehmen, die von rechter Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind. Um demokratiepädagogisch und nicht zuletzt menschenrechtsorientiert arbeiten zu können, bedarf es einer anderen Blickrichtung als einer täterzentrierten.

Die Kritik der geringen öffentlichen Wahrnehmung der Opferperspektive bzw. die geringe Empathie gegenüber den damit verbundenen Situationen und Lebensgeschichten ist das zentrale Anliegen der Amadeu Antonio Stiftung. Die Stiftung gründete sich 1998, um Personen zu unterstützen, die von rechter Gewalt betroffen sind. In den 1990er Jahren sind die Debatten um »Rechtsextremismus« von der Suche nach Verständnis für Jugendliche geprägt, die sich rechten Szenen zuwenden. Wie es den Menschen geht, die während der Pogrome in Hoyerswerda und Rostock von Rassist/innen überfallen und bedroht werden, spielt im öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle. Die Stiftung sieht es als ihre Aufgabe an, auf dieses Problem öffentlich aufmerksam zu machen, Initiativen zu unterstützen, die sich für eine demokratische Alltagskultur einsetzen sowie Projekte, die Betroffene rechter Gewalt juristisch, psychologisch und ganz praktisch im Alltag unterstützen. Vor diesem Hintergrund ist die nun vorliegende Broschüre ein Unterstützungsangebot für die pädagogische, menschenrechtsorientierte Arbeit.

Im nun folgenden Artikel werden wir Einblicke in Debatten über Dokumentar- und Spielfilme geben, die sich nach 1990 rechter Gewalt, ihren Ursachen und Akteur/innen, vor allem aber auch den Betroffenen und ihrer Perspektive zuwenden. Dabei wird es um pädagogische Fragen gehen, aber auch um gesamtgesellschaftliche Perspektiven, ohne die eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht auskommt. Auf Grundlage dieser Analyse werden wir im Anschluss die von uns ausgewählten Filme vorstellen.