Geringe Aufmerksamkeit für die von Rassismus und rechter Gewalt Betroffenen

Zu Beginn der 1990er Jahre entsteht eine neonazistische Bewegung, die sich im ländlichen und urbanen Raum, in Ost und West zunehmend ausbreitet. Mit der Forderung »Deutschland den Deutschen« erhalten Neonazis über verschiedene Milieus hinweg Zustimmung. Im gesamten Bundesgebiet werden Migrant/innen und alle, auf die entsprechende Feindbilder passen, angegriffen. Während viele rechte Morde und Angriffe Randnotizen bleiben, werden die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock in nationalen und internationalen Medien diskutiert. Abseits staatlicher Filmförderung entstehen in dieser Zeit einige, bislang wenig beachtete Produktionen. In ihnen kommen die von Rassismus und rechter Gewalt Betroffenen zu Wort, z.B. in Viele habe ich erkannt7, The Truth lies in Rostock – Die Wahrheit liegt (lügt) in Rostock8. In Ersterem befragen Filmschaffende einen ehemaligen Vertragsarbeiter aus Mosambik über seine Lebens- und Arbeitsbedingungen in der DDR und das Pogrom von Hoyerswerda. Der zweite Film rekapituliert das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen, dessen Vorgeschichte und Folgen unter anderem mittels Interviews und Videomaterial der Angegriffenen. Es wird deutlich, wie politisch Verantwortliche es zulassen oder auch mit herbeiführen, dass die Angegriffenen Todesängste ausstehen, von Polizeibeamt/innen nicht geschützt werden und schließlich die Wohnblocks verlassen müssen. Das Signal, das von der Evakuierung der Betroffenen ausgeht, ist fatal: Hier wird den Forderungen des rassistisch und antiziganistisch agierenden Mobs nachgegeben, die Angegriffenen müssen ihre Wohnungen verlassen und werden in Baracken im Umland, außerhalb von Dörfern und Städten, untergebracht. Neonazis und Sympathisierende feiern dies als Sieg. Und sie stehen nicht allein: Viele Medien, aber auch die Mehrzahl der demokratischen Parteien, unterstützen diese Stimmung, indem sie die Parole »Das Boot ist voll« verbreiten. Im Vordergrund steht die Frage, wie die Zuwanderung begrenzt werden kann und wie der »gute Ruf« der Nation, trotz des kaum zu verheimlichenden Problems mit Neonazis, erhalten werden kann. Genannten Zusammenhängen widmet sich die im Filmheft empfohlene Dokumentation Wer Gewalt sät … Von Brandstiftern und Biedermännern. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem bundesdeutschen Rassismus und seiner Geschichte seit der Vereinigung empfehlen wir Das Hoyerswerda Syndrom. Vor dem Hintergrund des massiven Anstiegs rassistischer Gewalt in den 1990er Jahren fragen die Filmschaffenden nach den Reaktionen in den betroffenen Communities und der Mehrheitsgesellschaft. Die genannten Dokumentarfilme zeigen, wie wenig die Betroffenen seitens des Staats geschützt und unterstützt werden.