Unsere Filmauswahl, pädagogisch begründet

In Konsequenz aus den vorab diskutierten Problemen stellen wir in der Broschüre Filme vor, die sich für die pädagogische Arbeit aus verschiedenen Perspektiven eignen. Wir empfehlen sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme. Sehr gerne hätten wir eine größere Anzahl an Spielfilmen aufgenommen, da sie sich für die pädagogische Arbeit in verschiedenen Settings und mit verschiedenen Zielgruppen anbieten. Jedoch gibt es einen Mangel an Spielfilmen, die sich dem Thema Rechtsextremismus mehrperspektivisch nähern. Bis heute liegt im deutschsprachigen Raum kaum ein Spielfilm vor, der sich der Thematik primär aus Perspektive der von rechter Gewalt Betroffenen zuwendet.

Zur Eskalation rassistischer Gewalt Anfang der 1990er Jahre und der Situation der Betroffenen empfehlen wir die bereits genannten Dokumentationen Wer Gewalt sät … Von Brandstiftern und Biedermännern sowie Das Hoyerswerda Syndrom. Für die Thematisierung von Rassismus, Antisemitismus und Hass auf Schwächere empfehlen wir Filme, die sich Menschen zuwenden, die Opfer rechter Gewalt wurden. Im Film Das Leben des Norbert Plath holen Sabine und Eckhard Mieder ein Todesopfer rechter Gewalt aus der Anonymität der langen Statistik. Norbert Plath wird 2000 von Ahlbecker Neonazis ermordet, weil er aufgrund seines Lebensstils als Reisender ohne festen Wohnsitz nicht in ihr Weltbild passt. Die Autor/innen geben einen Einblick in die Lebensgeschichte Plaths, der seine Kindheit und Jugend in der DDR verbrachte und nach der deutschen Vereinigung in Westdeutschland lebte. Die Täter bleiben im Hintergrund. Auch aus aktuellem Anlass empfehlen wir die TV-Produktion Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin – Die Opfer der Rechtsterroristen. Im Zentrum der Dokumentation stehen die vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) Ermordeten und ihre Angehörigen. Verwandte von Enver Şimşek, Mehmet Turgut und Mehmet Kubaşik erinnern sich an die Ermordeten, ihre Hoffnungen und Ziele. Sie berichten vom Verlust geliebter Menschen und erinnern sich an die Zeit vor der Aufklärung der Morde, in der sie zusätzlich mit den von rassistischen Vorannahmen geleiteten falschen Verdächtigungen der ermittelnden Behörden sowie der Medien umgehen mussten.

Zudem empfehlen wir Filme, die einen mehrperspektivischen Blick auf aktuelle Erscheinungsformen des Rechtsextremismus eröffnen. Es handelt sich um Darstellungen, in denen verschiedene Protagonist/innen auftreten, mit denen unterschiedliche Perspektiven und politische Meinungen und Handlungen eröffnet werden. Neben dem bereits erwähnten TV-Spielfilm Sonnenwende empfehlen wir den Film Der Kick. Es handelt sich hierbei um ein Theaterstück über einen realen Fall, der für die filmische Darstellung abgelichtet wurde. Er wirft die Frage auf, wie es 2002 zu dem brutalen Mord an dem sechzehnjährigen Marinus Schöberl kommen konnte, mit dem einer der Täter, die der rechten Szene angehören, bekannt war. Bewusst verzichtet der Regisseur auf eine Bebilderung der grausamen Tat. Entstanden ist eine Collage aus Statements von Angehörigen des Ermordeten, Gerichtsgutachter/innen, Erzieher/innen, aber auch von den Tätern und ihren Familien. Aus pädagogischer Sicht ermöglichen die Texte – Protokolle aus Interviews und der Befragung vor Gericht – verschiedenste Perspektiven auf Personen, die sich für die Tat mitverantwortlich fühlen könn(t)en. Ebenso empfehlen wir den Dokumentarfilm Das braune Chamäleon12. Er wurde von Jugendlichen und Medienpädagog/innen gemeinsam entwickelt. Er stellt mit der »Pro-Bewegung« und den »Autonomen Nationalisten « zwei aktuellere Strömungen in der extremen Rechten vor. Neben der Wissensvermittlung bietet er durch Interviews mit verschiedenen Akteur/innen, die sich gegen rechts engagieren, sowie mit zwei Aussteigern, interessante Gesprächsanlässe.

Eine weitere Empfehlung ist die Dokumentation Die Tragödie der Provinz. Sie widmet sich der Situation im sächsischen Teil des Vogtlands, in der NPD-Veranstaltungen, Schulungen, Rechtsrockkonzerte, Bedrohungen und Körperverletzungen für viele nichtrechte Menschen zum Alltag gehören. Ein rechtes Weltbild ist nicht nur unter Jugendlichen weit verbreitet. Menschen, die sich gegen Neonazis engagieren, sehen sich oft mit einer erkenntnisresistenten Öffentlichkeit konfrontiert, denn in manchen Gegenden fehlt es an einer demokratischen Zivilgesellschaft, die neonazistische Aktivitäten überhaupt erkennt und dementsprechend handelt. Das Filmteam schaut genauer hin und lässt diejenigen zu Wort kommen, die von rechter Gewalt betroffen sind und unterschiedliche Akteur/innen, die versuchen, dieser Gefahr etwas entgegenzusetzen.

Ebenso stellen wir Filme vor, mit denen auf Mädchen und Frauen in der Naziszene hingewiesen wird. Bis auf eine erste Ausnahme – in 2012 erscheint der Film Kriegerin – werden rechtsextreme Gruppierungen in den bislang vorliegenden Filmen fast ausschließlich als männlich gezeichnet. Wenn rechtsextreme Frauen überhaupt Erwähnung finden, so werden sie als Randfigur, als »Freundin von…«, als unpolitisch oder schweigend dargestellt. Damit wird die Verantwortung, die rechte Frauen für die Verbreitung von Ideologie und Gewalthandeln einnehmen, verharmlost und bleibt unsichtbar. Den Spielfilm Kriegerin haben wir trotz kontroversen Diskussionen im Team in die Filmauswahl aufgenommen13. Er zeigt mit der Hauptfigur Marisa und zwei weiteren Personen verschiedene Rollen auf, die Frauen in rechten Cliquen einnehmen können. Er thematisiert deren unterschiedliche Motive, sich in die Szene hinein zu bewegen. Dabei verweist der Film auf eine Diskussion, die bislang jenseits des wissenschaftlichen Fachdiskurses kaum geführt wurde: So wurde die Bedeutung, welche den Großeltern aus der deutschen Täter- und Mitläufergeneration und ihren Erzählungen über den Nationalsozialismus für den Einstieg von Jugendlichen in rechte Szenen zukommt, bislang kaum beachtet. Aus den Berichten von Aussteiger/innen und aus Ergebnissen qualitativer Forschung (vgl. Köttig 2004) wissen wir jedoch, dass deren Reden häufig den Weg in eine rechte Gruppierung geebnet bzw. für die/den Einzelnen begründet haben. In der pädagogischen Praxis – zum Beispiel in der Jugendarbeit – wurde aus diesem Wissen bislang jedoch keine Konsequenz gezogen. Der kurze Dokumentarfilm Braune Kameradin der Journalistin Andrea Röpke klärt über die verschiedenen Positionen, die Frauen in heutigen rechtsextremen Szenen einnehmen, auf. Für die Arbeit im Klassenraum ist er u.a. geeignet, da auch eine Aussteigerin von ihren Erfahrungen in der Szene berichtet, was Möglichkeiten für Diskussionen gibt. Auch empfehlen wir, ihn vorbereitend mit Kriegerin zu zeigen, den er u. E. sinnvoll ergänzt.

Im abschließenden Kapitel stellen wir zwei Filme vor, die sich dem Gedenken an die Ermordeten und deren Widerständigkeit widmen. Für eine Verbindung aus Geschichte und Gegenwart und eine erfrischende Darstellung der deutschen Migrationsgesellschaft spricht der Dokumentarfilm Per la Vita. Die Auschwitzüberlebende Esther Bejarano engagiert sich gegen heutige Nazis und gegen das Vergessen des Holocaust. Gemeinsam mit Musikern, Kindern der ersten Generation von Einwanderern in Westdeutschland, thematisiert sie Ausgrenzung, Gewalt in der Vergangenheit und wirft Fragen für die Verantwortung in der Gegenwart auf. Dass rechte Gewalt kein spezifisch ostdeutsches Problem ist, zeigt der Dokumentarfilm Nach dem Brand. Er portraitiert die Familie Arslan, die durch einen neonazistischen Brandanschlag 1992 in Mölln, drei Angehörige verloren hat. Auch in diesem Film wird konsequent die Perspektive derjenigen eingenommen, die ihr Leben trotz der erfahrenen Gewalt durch Neonazis gestalten.