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  1. Einleitung
  2. Pädagogik mit dem Medium Film – besondere Optionen
  3. Offenes Diskutieren über rechtsextreme Positionen?
  4. Eine Frage der Filmauswahl
  5. Geringe Aufmerksamkeit für die von Rassismus und rechter Gewalt Betroffenen
  6. Faszination Neonazis
  7. Spielfilme aus Perspektive rechtsextrem Orientierter
  8. Herausforderungen für die Pädagogik – Die Identifikationsfalle und unreflektierte Bilder vom »richtigen Kerl«
  9. Mehrere Perspektiven eröffnen – weg von der Täterzentrierung
  10. Unsere Filmauswahl, pädagogisch begründet

 

Dokumentar- und Spielfilme zum Thema Rechtsextremismus.

Pädagogische Überlegungen

Heike Radvan/ Julia Stegmann

Mit dieser Broschüre reagiert die Amadeu Antonio Stiftung auf den Wunsch von Pädagog/innen, Anregung und Unterstützung zu erhalten für die Thematisierung von Neonazismus mit dem Medium Film. Immer wieder kontaktieren Lehrer/innen die Stiftung und fragen nach Filmen, die für eine Auseinandersetzung mit rechten Positionen geeignet sind. Wenn sie beobachten, dass Schüler/innen sich rechtsextrem orientieren, wollen sie mit ihnen ins Gespräch kommen, und sie darüber aufklären, welches menschenverachtende Weltbild hiermit verbunden ist. Zudem suchen Pädagog/innen Unterstützung, die bereits mit gängigen Spielfilmen, wie etwa American History X2, gearbeitet haben und damit konfrontiert waren, dass Schüler/innen ihre Sympathie mit den dargestellten Neonazis äußern.3 Was tun, wenn Jugendliche während der Filmvorführung aufspringen und den Hitlergruß zeigen? Viele Lehrer/innen sind verunsichert, wie sie in der Situation und im Weiteren reagieren sollen. Dass diese pädagogischen Probleme nicht nur mit der Institution Schule, den Fachkräften selbst und einer gesamtgesellschaftlichen Atmosphäre, sondern auch mit der Form der Darstellung in den Filmen zusammenhängen, leuchtet unmittelbar ein, wenn man bekannte Filme über Rechtsextremismus ansieht, die von verschiedenen Institutionen für die pädagogische Arbeit zum Thema empfohlen werden.

Insofern ist die vorliegende Broschüre mit ihrer Filmauswahl eine Antwort auf diese – bereits seit vielen Jahren bestehende - Problematik. Wir wollen damit diejenigen Personen unterstützen, die sich mit rechtsextremer Ideologie und ihren Konsequenzen im Klassenraum oder im Jugendclub auseinandersetzen wollen.
Dabei verstehen wir Rechtsextremismus4 als ein Phänomen, das alle Mitglieder der Gesellschaft angeht. Es handelt sich nicht um ein Problem, das lediglich von einzelnen Gruppen an einem »rechten Rand« verursacht wird, wie es die vom Verfassungsschutz vertretene Definition von Extremismus nahelegt. Uns geht es um eine Auseinandersetzung mit in allen Teilen der Gesellschaft verbreiteten Ideologien der Ungleichwertigkeit. Rassistische, antisemitische oder sexistische Positionen werden weitgehend unabhängig von Alter, Bildungsgrad, ökonomischem Status oder Geschlecht von vielen Personen vertreten. Diese Einstellungen begünstigen eine Alltagskultur, die von Ausgrenzung, Ungleichwertigkeit und Gewalt geprägt ist. Den als »anders«, »fremd« und »feindlich« stigmatisierten Betroffenen werden gleiche Rechte abgesprochen. Dies wirkt sich negativ auf ihre Lebenschancen aus, etwa wenn Zugänge zu gesellschaftlich bedeutsamen Ressourcen wie Bildung oder gleich bezahlter Arbeit erschwert oder gänzlich verwehrt werden. Ideologien der Ungleichwertigkeit bieten zudem Anschlussmöglichkeiten für rechtsextreme Positionen. Insbesondere Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus sind in der Alltagssprache und im Alltagsbewusstsein vieler Personen verankert und gehen oft einher mit Rechtspopulismus, Europakritik, Islamfeindlichkeit, Homophobie5. Es ist Aufgabe von allen sich demokratisch verstehenden Menschen, rechten Ideologien und deren Fragmenten nachvollziehbar begründet entgegenzutreten. Das heißt auch, eigene verinnerlichte Stereotypen, diskriminierende Einstellungen und nicht zuletzt eigene Privilegien wahrzunehmen und zu hinterfragen. Auch dazu soll dieses Heft motivieren und Unterstützung geben.

Der Broschüre liegt die Analyse zugrunde, dass diejenigen Filme zum Thema, die in Deutschland nach 1990 öffentlich diskutiert und bekannt wurden, aus einer spezifischen Perspektive erzählen. Im Vordergrund stehen häufig männliche Jugendliche, die sich in rechte Szenen hinein orientieren oder bereits gefestigte Mitglieder sind. In der Mehrzahl der Filme wird versucht, die Motivation dieser Jugendlichen individuell und nicht selten psychologisierend zu erklären. So werden biografische Krisen beschrieben, etwa der Verlust des bisherigen Umfeldes oder Auseinandersetzungen mit überforderten, alleinerziehenden Eltern. Die Bedeutung rechtsextremer Meinungen für Einstiege in rechte Gruppierungen – individuell und im Umfeld der Protagonisten vertreten – gerät demgegenüber aus dem Blick. In diesen Filmen erfährt man wenig über rechte Strukturen und ihre Inhalte. Dethematisiert bleiben zudem die von rechter Gewalt Betroffenen und ihre Perspektive (vgl. Stegmann 2010). Aus der daraus resultierenden Fokussierung auf die Täter ergeben sich für die pädagogische Arbeit verschiedene Probleme, die sich mit den Worten »Identifikationsfalle« und »mangelnder Perspektivwechsel« zusammenfassend beschreiben lassen. Für die Arbeit im Klassenzimmer und im Jugendclub bieten sich u.E. vielmehr Filme an, die sich dem Problem Rechtsextremismus mehrperspektivisch nähern und auch den Standort derjenigen Menschen einnehmen, die von rechter Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind. Um demokratiepädagogisch und nicht zuletzt menschenrechtsorientiert arbeiten zu können, bedarf es einer anderen Blickrichtung als einer täterzentrierten.

Die Kritik der geringen öffentlichen Wahrnehmung der Opferperspektive bzw. die geringe Empathie gegenüber den damit verbundenen Situationen und Lebensgeschichten ist das zentrale Anliegen der Amadeu Antonio Stiftung. Die Stiftung gründete sich 1998, um Personen zu unterstützen, die von rechter Gewalt betroffen sind. In den 1990er Jahren sind die Debatten um »Rechtsextremismus« von der Suche nach Verständnis für Jugendliche geprägt, die sich rechten Szenen zuwenden. Wie es den Menschen geht, die während der Pogrome in Hoyerswerda und Rostock von Rassist/innen überfallen und bedroht werden, spielt im öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle. Die Stiftung sieht es als ihre Aufgabe an, auf dieses Problem öffentlich aufmerksam zu machen, Initiativen zu unterstützen, die sich für eine demokratische Alltagskultur einsetzen sowie Projekte, die Betroffene rechter Gewalt juristisch, psychologisch und ganz praktisch im Alltag unterstützen. Vor diesem Hintergrund ist die nun vorliegende Broschüre ein Unterstützungsangebot für die pädagogische, menschenrechtsorientierte Arbeit.

Im nun folgenden Artikel werden wir Einblicke in Debatten über Dokumentar- und Spielfilme geben, die sich nach 1990 rechter Gewalt, ihren Ursachen und Akteur/innen, vor allem aber auch den Betroffenen und ihrer Perspektive zuwenden. Dabei wird es um pädagogische Fragen gehen, aber auch um gesamtgesellschaftliche Perspektiven, ohne die eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht auskommt. Auf Grundlage dieser Analyse werden wir im Anschluss die von uns ausgewählten Filme vorstellen.


 

Pädagogik mit dem Medium Film – besondere Optionen

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass das Medium Film, insbesondere der Spielfilm, die Möglichkeit eröffnet, sich weitgehend unvoreingenommen einem Thema zu nähern. Zuschauende werden in Lebenssituationen einer oder mehrerer Personen eingeführt, historische Perspektiven oder biografische Rückblenden ermöglichen es, heutige Situationen in ihrem Gewordensein nachzuvollziehen. Spiel- und Dokumentarfilme zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Zuschauenden nicht nur kognitiv ansprechen: Gerade mit der Erreichbarkeit auf emotionaler Ebene lässt sich die Faszination für Filme erklären. Oft ist die Wirkung von Bildern eine andere als von Sprache: Sie erreichen auf eine Weise, die nicht unmittelbar reflektiert werden muss. Zuschauende lassen sich in Filme »hineinfallen«, beginnen zu lachen oder zu weinen. Dramatische Verläufe, Entscheidungssituationen und Dilemmata vermitteln Spannung. Gerade über Momente emotionaler Annäherung ist es möglich, mit Jugendlichen offen ins Gespräch zu kommen, ethische Fragen aufzuwerfen, diverse Perspektiven einzunehmen, Meinungen kontrovers zu diskutieren – letztlich pädagogisch zu arbeiten und bei der Meinungsbildung zu unterstützen.


 

Offenes Diskutieren über rechtsextreme Positionen?

Im Kontext des Themas Rechtsextremismus stellt sich die Frage, ob es so ohne Weiteres möglich ist, im Sinne emanzipatorischer Bildung mit dem Medium Film zu arbeiten: So stehen Pädagog/innen vor der Anforderung, menschenverachtenden Aussagen entgegenzutreten, sie als solche kenntlich zu machen und ihnen nachvollziehbar etwas entgegenzusetzen. Insofern lässt sich fragen, ob es hier in jedem Falle möglich ist, offene Fragen zu formulieren, und bei der Meinungsbildung uneingeschränkt und ergebnisoffen zu unterstützen. Vielmehr bedarf es seitens der Fachkräfte in der Praxis einer Konfliktfähigkeit und eines Engagements, sich mit diskriminierenden Äußerungen auseinanderzusetzen und sich zu positionieren. Es bedarf der Fähigkeit, menschenrechtliche Werte und Orientierungen so einzubringen, dass sie von Jugendlichen als Alternative wahr- und angenommen werden. Gleichzeitig – und hier liegt eine Motivation für dieses Filmheft – kann die Frage nach dem Wie emanzipatorischer Bildung in diesem Kontext auch mit der Filmauswahl bzw. der Form der Darstellung des Phänomens Rechtsextremismus im Film beantwortet werden.


 

Eine Frage der Filmauswahl

Für die Möglichkeiten, die sich für pädagogisch Tätige in der Auseinandersetzung zum Thema Rechtsextremismus mit dem Medium Film bieten, ist es durchaus relevant, wie das Phänomen filmisch dargestellt wird. Aus welcher Perspektive wird erzählt, welche Personen werden vorgestellt, wer erhält Raum für Positionen und Geschichten? Einseitige Darstellungen aus Sicht von sich rechtsextrem Orientierenden, oder gar Neonazis, bringen für das pädagogische Handeln Probleme mit sich. In der Mehrzahl der Filme, die für die politische Bildung empfohlen werden6, wird diese Perspektive weitgehend ungebrochen eingenommen. Die eingangs geschilderten Probleme – Zuschauende sympathisieren mit neonazistischen Personen und deren Positionen – zeigen sich in der Praxis: Pädagog/innen berichten, dass es in der Arbeit mit diesen Filmen sehr schwer sein kann, diskriminierende Meinungen und ausgrenzendes, gewalttätiges Handeln zu hinterfragen und zu kritisieren.


 

Geringe Aufmerksamkeit für die von Rassismus und rechter Gewalt Betroffenen

Zu Beginn der 1990er Jahre entsteht eine neonazistische Bewegung, die sich im ländlichen und urbanen Raum, in Ost und West zunehmend ausbreitet. Mit der Forderung »Deutschland den Deutschen« erhalten Neonazis über verschiedene Milieus hinweg Zustimmung. Im gesamten Bundesgebiet werden Migrant/innen und alle, auf die entsprechende Feindbilder passen, angegriffen. Während viele rechte Morde und Angriffe Randnotizen bleiben, werden die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock in nationalen und internationalen Medien diskutiert. Abseits staatlicher Filmförderung entstehen in dieser Zeit einige, bislang wenig beachtete Produktionen. In ihnen kommen die von Rassismus und rechter Gewalt Betroffenen zu Wort, z.B. in Viele habe ich erkannt7, The Truth lies in Rostock – Die Wahrheit liegt (lügt) in Rostock8. In Ersterem befragen Filmschaffende einen ehemaligen Vertragsarbeiter aus Mosambik über seine Lebens- und Arbeitsbedingungen in der DDR und das Pogrom von Hoyerswerda. Der zweite Film rekapituliert das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen, dessen Vorgeschichte und Folgen unter anderem mittels Interviews und Videomaterial der Angegriffenen. Es wird deutlich, wie politisch Verantwortliche es zulassen oder auch mit herbeiführen, dass die Angegriffenen Todesängste ausstehen, von Polizeibeamt/innen nicht geschützt werden und schließlich die Wohnblocks verlassen müssen. Das Signal, das von der Evakuierung der Betroffenen ausgeht, ist fatal: Hier wird den Forderungen des rassistisch und antiziganistisch agierenden Mobs nachgegeben, die Angegriffenen müssen ihre Wohnungen verlassen und werden in Baracken im Umland, außerhalb von Dörfern und Städten, untergebracht. Neonazis und Sympathisierende feiern dies als Sieg. Und sie stehen nicht allein: Viele Medien, aber auch die Mehrzahl der demokratischen Parteien, unterstützen diese Stimmung, indem sie die Parole »Das Boot ist voll« verbreiten. Im Vordergrund steht die Frage, wie die Zuwanderung begrenzt werden kann und wie der »gute Ruf« der Nation, trotz des kaum zu verheimlichenden Problems mit Neonazis, erhalten werden kann. Genannten Zusammenhängen widmet sich die im Filmheft empfohlene Dokumentation Wer Gewalt sät … Von Brandstiftern und Biedermännern. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem bundesdeutschen Rassismus und seiner Geschichte seit der Vereinigung empfehlen wir Das Hoyerswerda Syndrom. Vor dem Hintergrund des massiven Anstiegs rassistischer Gewalt in den 1990er Jahren fragen die Filmschaffenden nach den Reaktionen in den betroffenen Communities und der Mehrheitsgesellschaft. Die genannten Dokumentarfilme zeigen, wie wenig die Betroffenen seitens des Staats geschützt und unterstützt werden.


 

Faszination Neonazis

Zeitlich parallel – zu Beginn der 1990er Jahre – entstehen Dokumentarfilme, die sich der »anderen Seite« zuwenden. Filmschaffende befragen Jugendliche nach ihren Lebensgeschichten und Motivationen, sich neonazistischen Gruppierungen anzuschließen. Während die genannten Dokumentationen über die von rechter Gewalt Betroffenen weitgehend unbeachtet bleiben und bis heute einem größeren Publikum kaum bekannt sind, laufen die Darstellungen rechter Jugendlicher im Kino und lösen kontroverse Diskussionen aus. Thomas Heise portraitiert 1992 in Stau – Jetzt geht’s los sechs Neonazis. Er gibt ihnen Raum, ihren Alltag, ihre Interessen und politischen Einstellungen zu präsentieren. Kontrovers wird diskutiert, wie es mit filmischen Mitteln möglich ist, sich dem Thema zu widmen, ohne dem Anliegen der extremen Rechten dienlich zu sein. Auch wird gestritten ob, und wenn ja, bis zu welchem Punkt es legitim ist, Bewertung und kommentierende Rahmung zurückzustellen und den Zuschauenden die Interpretation des Gezeigten zu überlassen. Auch in den darauffolgenden Jahren werden diese Fragen die Debatte prägen. 1993 portraitiert Winfried Bonengel in Beruf Neonazi mit Bela Ewald Althans einen aktiven Kader und gerät in die Kritik, durch seine wenig distanzierte Darstellungsweise9 rechte Propaganda, Gewalt und Ideologie zu verharmlosen. Was sich hier andeutet, ist eine bestimmte Faszination: Wenn auch ungewollt oder unhinterfragt, gibt Bonengel dem Protagonisten Raum, sich als Macher darzustellen, sein Verhalten als das »coole«, »rebellische« und moralisch richtige zu zeichnen. Die Folgen von Althans’ Propaganda geraten dabei aus dem Blick, auch der weitere Kontext wird kaum beachtet. Im Vordergrund steht die Täterperspektive, weitgehend ungebrochen und unreflektiert.


 

Spielfilme aus Perspektive rechtsextrem Orientierter

Erst mit der Jahrtausendwende kommen auch Spielfilme zum Thema in die Kinos. Interessant ist, dass sich die Form der Darstellung aus den 1990er Jahren zu wiederholen scheint: Auch hier steht die Annäherung an neonazistische Protagonisten im Vordergrund, die Perspektive der von rechter Gewalt Betroffenen wird nur anhand von einzelnen Nebenrollen verhandelt. Mit dem US-amerikanischen Spielfilm American History X, den deutschen Produktionen Führer Ex10 und Kombat sechzehn11 werden verschiedene Wege der Hinwendung zu rechten Gruppierungen erzählt und Fragen nach den Motiven und Ursachen aufgeworfen. Kritiker/innen problematisieren auch hier, dass rechtsextreme Einstellungen entpolitisiert und Gewalthandeln ästhetisiert wird. Es werden Fragen aufgeworfen, die sich aus ethischer Perspektive, aber auch im Kontext pädagogischer Überlegungen formulieren lassen.


 

Herausforderungen für die Pädagogik – Die Identifikationsfalle und unreflektierte Bilder vom »richtigen Kerl«

Die Protagonisten vieler Filme bieten sich als Identifikationsfigur an, sie sind diejenigen, die als »cool«, »durchsetzungsfähig«, »rebellisch« gezeichnet werden, und somit attraktiv sein können für Jugendliche, die auf der Suche nach Orientierung sind. Problematisch ist diese Darstellung auch aus Genderperspektive: Viele der dargestellten Protagonisten vertreten rigide Attribute von Männlichkeit, sie werden als gewalttätig und autoritär gezeichnet, als diejenigen, die »Ansagen machen«, als frauenfeindlich und homophob. Wenig hilfreich ist es für die pädagogische Arbeit, wenn Filmemachende durch ihre Wahl der Perspektive eine implizite Faszination gegenüber dem Protagonisten vermitteln, wie beispielsweise in Beruf Neonazi. Wenn der Kader Bela Althans wiederholt im Portrait oder in Großaufnahme als Redner auf Veranstaltungen zu sehen ist, so werden Inszenierungen überlegener Männlichkeit transportiert, deren Wirkung nur schwer in die Reflektion zurückzuholen ist. Wenn Körperlichkeit und Gewalthandeln in Anlehnung an Leni Riefenstahl ästhetisiert werden, wie in der Darstellung eines Nazi-Skinheads in American History X, dann sind Anschlussmöglichkeiten für rechte Vorstellungen vom »richtigen Kerl« gegeben. Auf diesem Wege wird es schwierig, über Nazi-Ideologie und stereotype Geschlechterbilder kritisch in die Diskussion zu kommen. Die potentiell faszinierende Wirkung solcher Bilder kann deren Infragestellung und Reflektion erschweren.


 

Mehrere Perspektiven eröffnen – weg von der Täterzentrierung

Durchaus können Darstellungen von Gewalt und traditionellen Männlichkeiten Anlass geben für kritische Diskussionen in pädagogischen Settings. In gut vorbereiteten Kontexten und in Gruppen, in denen sich niemand aus Überzeugung mit den Protagonisten identifiziert, kann es gelingen, solche Bilder gemeinsam zu hinterfragen. Gleichzeitig – und darum geht es uns – werden mit der eingenommenen filmischen Perspektive Personen in den Vordergrund gestellt, die sich in rechte Gruppen hinein orientieren oder bereits Teil dessen sind. Für die pädagogische Arbeit wäre es jedoch sinnvoller, und u.E. unabdingbar, verschiedene Personen zu portraitieren und als Identifikationsfiguren anzubieten. Solcherart Darstellungen ermöglichen Perspektivwechsel, beispielsweise durch die Darstellung der von rechter Gewalt Betroffenen und ihren Unterstützer/innen, alternativer Jugendlicher, die sich für eine vielfältige Kultur in ihrem Ort einsetzen und sich mit Betroffenen rechter Gewalt solidarisieren. Rechtsextremismus wird als ein komplexes Problem geschildert, das in einem Dorf oder einer Stadtgesellschaft alle angeht, und auf das verschiedene Personen unterschiedliche Antworten geben. Ein Spielfilm, der solcherart Perspektivenvielfalt eröffnet, ist der Fernsehkrimi Sonnenwende aus der Reihe Stubbe – Von Fall zu Fall von Peter Kahane aus dem Jahr 2009, – den wir auch in der vorliegenden Broschüre für die pädagogische Arbeit empfehlen. Mit der Tochter des Kommissars Stubbe und deren Freund/innen aus der linksalternativen Szene werden Sichtweisen eröffnet, die eine relativierende, rechtsextreme Ideologie verharmlosende Erklärung verunmöglicht. Gleichzeitig wird die isolierte Situation einer alleinerziehenden Mutter geschildert, deren Ehemann von einheimischen Neonazis aufgrund dessen vietnamesischer Herkunft ermordet wurde. Es wird eine Stadtgesellschaft gezeigt, die mehrheitlich wegsieht oder das Problem neonazistischer Dominanz nicht ernst nimmt. Diskussionsmöglichkeiten mit Jugendlichen eröffnet zudem die Figur eines ehemaligen Polizisten, der in seinem Kampf gegen rechte Täter als gescheitert gezeichnet wird, auch, weil er dabei den Boden rechtsstaatlichen Handelns verlassen hat.


 

Unsere Filmauswahl, pädagogisch begründet

In Konsequenz aus den vorab diskutierten Problemen stellen wir in der Broschüre Filme vor, die sich für die pädagogische Arbeit aus verschiedenen Perspektiven eignen. Wir empfehlen sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme. Sehr gerne hätten wir eine größere Anzahl an Spielfilmen aufgenommen, da sie sich für die pädagogische Arbeit in verschiedenen Settings und mit verschiedenen Zielgruppen anbieten. Jedoch gibt es einen Mangel an Spielfilmen, die sich dem Thema Rechtsextremismus mehrperspektivisch nähern. Bis heute liegt im deutschsprachigen Raum kaum ein Spielfilm vor, der sich der Thematik primär aus Perspektive der von rechter Gewalt Betroffenen zuwendet.

Zur Eskalation rassistischer Gewalt Anfang der 1990er Jahre und der Situation der Betroffenen empfehlen wir die bereits genannten Dokumentationen Wer Gewalt sät … Von Brandstiftern und Biedermännern sowie Das Hoyerswerda Syndrom. Für die Thematisierung von Rassismus, Antisemitismus und Hass auf Schwächere empfehlen wir Filme, die sich Menschen zuwenden, die Opfer rechter Gewalt wurden. Im Film Das Leben des Norbert Plath holen Sabine und Eckhard Mieder ein Todesopfer rechter Gewalt aus der Anonymität der langen Statistik. Norbert Plath wird 2000 von Ahlbecker Neonazis ermordet, weil er aufgrund seines Lebensstils als Reisender ohne festen Wohnsitz nicht in ihr Weltbild passt. Die Autor/innen geben einen Einblick in die Lebensgeschichte Plaths, der seine Kindheit und Jugend in der DDR verbrachte und nach der deutschen Vereinigung in Westdeutschland lebte. Die Täter bleiben im Hintergrund. Auch aus aktuellem Anlass empfehlen wir die TV-Produktion Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin – Die Opfer der Rechtsterroristen. Im Zentrum der Dokumentation stehen die vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) Ermordeten und ihre Angehörigen. Verwandte von Enver Şimşek, Mehmet Turgut und Mehmet Kubaşik erinnern sich an die Ermordeten, ihre Hoffnungen und Ziele. Sie berichten vom Verlust geliebter Menschen und erinnern sich an die Zeit vor der Aufklärung der Morde, in der sie zusätzlich mit den von rassistischen Vorannahmen geleiteten falschen Verdächtigungen der ermittelnden Behörden sowie der Medien umgehen mussten.

Zudem empfehlen wir Filme, die einen mehrperspektivischen Blick auf aktuelle Erscheinungsformen des Rechtsextremismus eröffnen. Es handelt sich um Darstellungen, in denen verschiedene Protagonist/innen auftreten, mit denen unterschiedliche Perspektiven und politische Meinungen und Handlungen eröffnet werden. Neben dem bereits erwähnten TV-Spielfilm Sonnenwende empfehlen wir den Film Der Kick. Es handelt sich hierbei um ein Theaterstück über einen realen Fall, der für die filmische Darstellung abgelichtet wurde. Er wirft die Frage auf, wie es 2002 zu dem brutalen Mord an dem sechzehnjährigen Marinus Schöberl kommen konnte, mit dem einer der Täter, die der rechten Szene angehören, bekannt war. Bewusst verzichtet der Regisseur auf eine Bebilderung der grausamen Tat. Entstanden ist eine Collage aus Statements von Angehörigen des Ermordeten, Gerichtsgutachter/innen, Erzieher/innen, aber auch von den Tätern und ihren Familien. Aus pädagogischer Sicht ermöglichen die Texte – Protokolle aus Interviews und der Befragung vor Gericht – verschiedenste Perspektiven auf Personen, die sich für die Tat mitverantwortlich fühlen könn(t)en. Ebenso empfehlen wir den Dokumentarfilm Das braune Chamäleon12. Er wurde von Jugendlichen und Medienpädagog/innen gemeinsam entwickelt. Er stellt mit der »Pro-Bewegung« und den »Autonomen Nationalisten « zwei aktuellere Strömungen in der extremen Rechten vor. Neben der Wissensvermittlung bietet er durch Interviews mit verschiedenen Akteur/innen, die sich gegen rechts engagieren, sowie mit zwei Aussteigern, interessante Gesprächsanlässe.

Eine weitere Empfehlung ist die Dokumentation Die Tragödie der Provinz. Sie widmet sich der Situation im sächsischen Teil des Vogtlands, in der NPD-Veranstaltungen, Schulungen, Rechtsrockkonzerte, Bedrohungen und Körperverletzungen für viele nichtrechte Menschen zum Alltag gehören. Ein rechtes Weltbild ist nicht nur unter Jugendlichen weit verbreitet. Menschen, die sich gegen Neonazis engagieren, sehen sich oft mit einer erkenntnisresistenten Öffentlichkeit konfrontiert, denn in manchen Gegenden fehlt es an einer demokratischen Zivilgesellschaft, die neonazistische Aktivitäten überhaupt erkennt und dementsprechend handelt. Das Filmteam schaut genauer hin und lässt diejenigen zu Wort kommen, die von rechter Gewalt betroffen sind und unterschiedliche Akteur/innen, die versuchen, dieser Gefahr etwas entgegenzusetzen.

Ebenso stellen wir Filme vor, mit denen auf Mädchen und Frauen in der Naziszene hingewiesen wird. Bis auf eine erste Ausnahme – in 2012 erscheint der Film Kriegerin – werden rechtsextreme Gruppierungen in den bislang vorliegenden Filmen fast ausschließlich als männlich gezeichnet. Wenn rechtsextreme Frauen überhaupt Erwähnung finden, so werden sie als Randfigur, als »Freundin von…«, als unpolitisch oder schweigend dargestellt. Damit wird die Verantwortung, die rechte Frauen für die Verbreitung von Ideologie und Gewalthandeln einnehmen, verharmlost und bleibt unsichtbar. Den Spielfilm Kriegerin haben wir trotz kontroversen Diskussionen im Team in die Filmauswahl aufgenommen13. Er zeigt mit der Hauptfigur Marisa und zwei weiteren Personen verschiedene Rollen auf, die Frauen in rechten Cliquen einnehmen können. Er thematisiert deren unterschiedliche Motive, sich in die Szene hinein zu bewegen. Dabei verweist der Film auf eine Diskussion, die bislang jenseits des wissenschaftlichen Fachdiskurses kaum geführt wurde: So wurde die Bedeutung, welche den Großeltern aus der deutschen Täter- und Mitläufergeneration und ihren Erzählungen über den Nationalsozialismus für den Einstieg von Jugendlichen in rechte Szenen zukommt, bislang kaum beachtet. Aus den Berichten von Aussteiger/innen und aus Ergebnissen qualitativer Forschung (vgl. Köttig 2004) wissen wir jedoch, dass deren Reden häufig den Weg in eine rechte Gruppierung geebnet bzw. für die/den Einzelnen begründet haben. In der pädagogischen Praxis – zum Beispiel in der Jugendarbeit – wurde aus diesem Wissen bislang jedoch keine Konsequenz gezogen. Der kurze Dokumentarfilm Braune Kameradin der Journalistin Andrea Röpke klärt über die verschiedenen Positionen, die Frauen in heutigen rechtsextremen Szenen einnehmen, auf. Für die Arbeit im Klassenraum ist er u.a. geeignet, da auch eine Aussteigerin von ihren Erfahrungen in der Szene berichtet, was Möglichkeiten für Diskussionen gibt. Auch empfehlen wir, ihn vorbereitend mit Kriegerin zu zeigen, den er u. E. sinnvoll ergänzt.

Im abschließenden Kapitel stellen wir zwei Filme vor, die sich dem Gedenken an die Ermordeten und deren Widerständigkeit widmen. Für eine Verbindung aus Geschichte und Gegenwart und eine erfrischende Darstellung der deutschen Migrationsgesellschaft spricht der Dokumentarfilm Per la Vita. Die Auschwitzüberlebende Esther Bejarano engagiert sich gegen heutige Nazis und gegen das Vergessen des Holocaust. Gemeinsam mit Musikern, Kindern der ersten Generation von Einwanderern in Westdeutschland, thematisiert sie Ausgrenzung, Gewalt in der Vergangenheit und wirft Fragen für die Verantwortung in der Gegenwart auf. Dass rechte Gewalt kein spezifisch ostdeutsches Problem ist, zeigt der Dokumentarfilm Nach dem Brand. Er portraitiert die Familie Arslan, die durch einen neonazistischen Brandanschlag 1992 in Mölln, drei Angehörige verloren hat. Auch in diesem Film wird konsequent die Perspektive derjenigen eingenommen, die ihr Leben trotz der erfahrenen Gewalt durch Neonazis gestalten.


Verwendete Literatur

Amadeu Antonio Stiftung (2013): Staatsversagen. Wie Engagierte gegen Rechtsextremismus im Stich gelassen werden. Ein Report aus Westdeutschland, Berlin.
Michaela Köttig (2004): Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen. Biografische Verläufe im Kontext der Familien- und Gruppendynamik, Gießen.
Heike Radvan (2013): Geschlechterreflektierende Rechtsextremismusprävention. Eine Leerstelle in Theorie und Praxis? In: Amadeu Antonio Stiftung/Heike Radvan (Hg.): Gender und Rechtsextremismusprävention, Berlin, S. 7-36.
Julia Stegmann (2010): Rechte im Film – Filme gegen rechts? In: Julius H. Schoeps/Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann (Hg.): Politik des Hasses: Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/Zürich/New York, S. 243-255.

Fußnoten:
2 Regie Tony Kaye, USA 1998.
3 Die Schlüsselszene dieses Films ästhetisiert rechte Gewalt: Es wird der sogenannte Bordsteinkick gezeigt, ein Neonazi mit muskulösem nackten Oberkörper springt in Zeitlupe auf den Kopf eines Schwarzen, der auf dem Bordstein liegt, und zertrümmert dessen Kopf. Die Darstellung wurde in der Realität mehrmals »reinszeniert«, bekanntestes Beispiel hierfür ist der Mord an Marinus Schöberl im uckermärkischen Potzlow (siehe Filmempfehlung Der Kick ab Seite 35).
4 Der Begriff Rechtsextremismus lässt sich aus verschiedenen Perspektiven begründet kritisieren (vgl. Radvan 2013: 12ff). Wir haben uns dennoch entschieden, ihn hier im Sinne eines Sammelbegriffes für verschiedene politisch rechts gerichtete Einstellungen und Erscheinungsformen zu verwenden, mit dem das Spektrum des gewalttätigen Neonazismus ebenso wie der sich bürgerlich gebenden Neuen Rechten bezeichnet wird.
5 Vgl. hierzu die Studien zum Phänomen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, Wilhelm Heitmeyer (2002-2011): Deutsche Zustände, Folge 1-10, Frankfurt am Main sowie die seit 2006 von der Friedrich Ebert Stiftung im Zweijahresrhythmus in Auftrag gegebenen »Mitte-Studien«. Aktuell vgl.: Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler (2012): Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Bonn.
6 Vgl. u.a. das Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung.
7 Regie: Helmut Dietrich, Julia Oelkers, Lars Maibaum, BRD 1992.
8 Regie: Mark Saunders, S. Cleary BRD/GB 1993.
9 Kritisiert werden hier vor allem der Verzicht auf einen verbalen Kommentar, kritische Interviewfragen des Filmemachers sowie eine Kameraführung, bei der wenig Distanz zum Protagonisten eingenommen wird. Zudem wird der wiederholte Kamerablick von unten als Heroisierung der Hauptfigur interpretiert.
10 Regie: Winfried Bonengel, BRD 2002.
11 Regie: Mirko Borscht, BRD 2005.
12 Der Film wurde erstellt vom Medienprojekt Wuppertal. Bei der Uraufführung am 30.11.2010 überfiel eine Gruppe bewaffneter Neonazis die Veranstaltung. Die vermummten Angreifer warfen u.a. Steine auf das Gebäude und versprühten Pfefferspray. Zwei Security-Mitarbeiter wurden verletzt und mussten behandelt werden. Zum Vorfall und dem weiteren Kontext in Wuppertal vgl. Amadeu Antonio
Stiftung 2013, S. 11-16.
13 Einige aus dem Team kritisierten, dass auch in diesem Film die Zuschauenden kaum dazu angeregt werden, sich mit eigenen verinnerlichten Ungleichwertigkeitsvorstellungen, aber auch mit Handlungsmöglichkeiten gegen rechts auseinanderzusetzen. Dies geschieht im Film u.a. durch die Verortung der Handlung in einer als weitgehend »menschenleer« dargestellten ostdeutschen Provinz. Rassismus scheint hauptsächlich Sache der Neonazis zu sein. Dessen Darstellung als gesamtgesellschaftlich weit verbreitetes Problem gerate – so die Kritik – zu kurz. Denn er werde lediglich in einer kurzen Szene verhandelt, in der eine Passantin keinen Einspruch erhebt, als zwei Flüchtlinge an der Supermarktkasse von der neonazistischen Hauptfigur nicht bedient werden. Hier kommt allerdings auch – und das eröffnet Möglichkeiten für die pädagogische Thematisierung – das entwürdigende System der Wertgutscheine ins Bild, mit denen Flüchtlinge noch heute in vielen Landkreisen gezwungen sind, anstelle von Bargeld einzukaufen