Das Leben des Norbert Plath ©HR 2001

Dokumentation, Deutschland 2001, 45 min,
Regie: Sabine Mieder, Eckhard Mieder, Hessischer Rundfunk (aus der Reihe:
»Tödliche Begegnungen«)

Zielgruppe: ab Klassenstufe 11

Wo erhalte ich den Film?
Hessischer Rundfunk / Abteilung Dokumentation und Archive
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Hinweis: Bitte beachten Sie die Urheberrechte.

 

Das Leben des Norbert Plath

Themen:
 Asozial (Stigma) / Berber_in / Wohnungslose  / Sozialdarwinismus

 

Inhaltsangabe:
Der Film portraitiert ein Todesopfer rechter Gewalt: Norbert Plath wurde am 27. Juli 2000 auf der Insel Usedom in Ahlbeck (Mecklenburg-Vorpommern) von vier jungen Rechten zu Tode geprügelt. Die Täter gaben an, »Asoziale und Landstreicher hätten im schönen Ahlbeck nichts zu suchen«. Norbert Plath besitzt nicht viel mehr als einen Schlafsack und ein Kofferradio. Wie jeden Sommer reist er in seinen Heimatort an die Ostsee. Hinter der Ahlbecker Kirche findet er einen geschützten Platz zum Schlafen. Er wird wach, als ihm ein Mädchen mit dem Feuerzeug ins Gesicht leuchtet. Kurz darauf wird er von einheimischen Jungnazis geschlagen und schwer misshandelt. Er stirbt wenige Stunden später an den Folgen. In den Schlagzeilen ist er »der erschlagene Obdachlose von Ahlbeck« »Obdachlose« werden sehr häufig Opfer rechter Gewalt, dies jedoch ist öffentlich kaum bekannt.

Die Dokumentation ist eine Zeitreise durch fünf Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte, in denen ein Junge erwachsen wird, ein begabter Zeichner mit einer Sehnsucht nach fernen Ländern. In der DDR kann er sie nur ausleben, indem er über Postkarten Fernschach spielt – bis nach Australien. Nach DDR-StGB § 249 ist er ein »Asozialer«, ein »Arbeitsscheuer«, der sich nicht einordnen kann in den geregelten Alltag eines sozialistischen Werktätigen, der dafür ins Gefängnis kommt, in den Westen flieht und scheitert. Die Täter, die seinen Traum von der Freiheit so brutal beendeten, spielen in der gesamten Reihe des Hessischen Rundfunks nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht das Leben des Norbert Plath.

Die Dokumentation ist Teil der Reihe Tödliche Begegnungen. Diese Sendereihe des Hessischen Rundfunks wurde 2002 mit dem Civis Medienpreis ausgezeichnet.



Film: Das Leben des Norbert Plath


Arbeitsblatt 3

Beobachtungsaufgaben:

  • Erläutern Sie, wie Norbert Plath von den Menschen, die ihn kannten, beschrieben wird. Was mochten seine Freunde und Bekannten an ihm?
  • Mit welchen Begriffen beschreiben die Menschen im Film seine Lebensweise? Welche unterschiedlichen Perspektiven werden deutlich? Welche Bewertungen sind damit verbunden?
  • Norbert Plath wechselt häufiger den Arbeitsplatz. Erläutern Sie, welche Gründe im Film dafür genannt werden. Wie wird seine spätere Wohnungslosigkeit erklärt?


Rechercheaufgaben:

  • In Artikel 2 des Grundgesetzes heißt es: »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. […]«. Begründen Sie, warum dieses Recht, ebenso wie die freie Wahl des Wohnortes, für alle Menschen gleichermaßen Geltung hat.
  • Welche unterschiedlichen Begriffe kennen Sie für wohnungslose Menschen? Welche davon sind mit positiven, welche mit negativen Bewertungen verbunden? Mit welchen Begriffen bezeichnen sie sich selbst?
  • Wohnungslose sind in Deutschland die zweitgrößte Opfergruppe rechter Gewalt. Überlegen Sie, warum gerade sie so häufig zu Opfern werden. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen begünstigen die Gewalt gegen diese Gruppe? Informationen finden Sie unter: www.berber-info.de
  • Erklären Sie, was mit dem Wort »asozial« gemeint ist. Wie wird der Begriff von Neonazis verwendet? Wie gingen Nationalsozialist_innen mit Menschen um, die sie als »asozial« bezeichneten?
  • Recherchieren Sie, wie sich der Umgang mit dem Wort »asozial« in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. In der DDR stand eine »asoziale« Lebensweise unter Strafe. Nach § 249 des DDR-Strafgesetzbuches drohten hierfür zwei Jahre Haft. Wie die Forscherin Anne Allex schreibt, wurde der Paragraph »auch gegen Aufmüpfige und politisch Missliebige angewandt«. Überlegen Sie, was dies für die Betroffenen bedeutete.
  • Dieses Stigma lebte auch in der BRD fort. Recherchieren Sie.
  • Das Forschungsprojekt der Universität Bielefeld »Gruppenbezogene Menschen-feindlichkeit« untersuchte von 2002 bis 2012 die Abwertung verschiedener Personengruppen in Deutschland. In der Studie wird angenommen, dass die Geringschätzung von Wohnungslosen und Empfänger_innen von Sozialleistungen mit einer zu beobachtenden »Ökonomisierung des Sozialen« zusammenhängt. Menschen werden nach dem Kriterium der Nützlichkeit für die Gesellschaft betrachtet und abgewertet, wenn sie von Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit etc. betroffen sind. Finden Sie diese Beobachtung zutreffend? Wenn ja, nennen Sie Beispiele.
  • Diskutieren Sie, welche Argumente dagegen sprechen, die gesellschaftliche Nützlichkeit von Menschen als Bewertungsmaßstab anzulegen? Sind die Menschenrechte für eine Begründung hilfreich? Finden Sie entsprechende Artikel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: www.humanrights.ch
  • Der 25-jährige rechtsradikale Täter hatte einen Schlüssel zum Jugendzentrum in Ahlbeck. Er verkehrte hier problemlos und hatte offensichtlich das Vertrauen der Sozialarbeiter_innen. Kennen Sie solche Situationen? Wenn nein, recherchieren Sie im Internet. Hilfreich sind dabei folgende Fragen: Wie werden Jugendzentren von Neonazis eingenommen und funktionalisiert? Was bedeutet das für andere, nichtrechte Jugendliche? Welche Auswirkungen hat dies?
  • Recherchieren Sie, welche Hilfsangebote es für Wohnungslose an Ihrem Wohnort gibt. Welche Anlaufstellen gibt es? Wo kann man einen warmen Tee bekommen, wenn es kalt ist?

 

 

Arbeitsbogen hier herunterladen

 

Interviews und Artikel zum Film:

Berberinfo. Ohne Wohnung leben? Informationen für Wohnungslose, von Wohnungslosigkeit Bedrohte und Menschen mit Armutserfahrung.

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.

Wohnungslose als Opfer rechter Gewalt:

Werena Rosenke: Leben in ständiger Angst vor Gewalt. Wohnungslose Männer und Frauen sind Opfer und Täter - und die Gesellschaft schaut meistens weg.

Obdachlosen-Opferchronik: Schwere bis tödliche Übergriffe auf Obdachlose in der Bundesrepublik. Online unter: Berberinfo. Blog für Straße und Leben

Lucius Teidelbaum: Sozialdarwinistische Zustände Wohnungs- und Obdachlose als vergessene Opfer rechter Gewalt. In: LOTTA vom  08.04.2013

Christian Linde: „Obdachlose“ als Opfer struktureller, direkter und vierter Gewalt. In: Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 16

Die Wanderausstellung der Opferperspektive portraitiert 169 Todesopfer rechter Gewalt www.opfer-rechter-gewalt.de