Aus Platzgründen konnten wir nur 12 Filme in die Broschüre aufnehmen. Hier gibt es Informationen zu weiteren erwähnenswerten Filmen zum Thema:

 

Der Tag, als der Mob die Inder hetzte

R: Kamil Taylan D. 2008, Hessischer Rundfunk,  45 min.

Zielgruppe: ab Klassenstufe 10
Wo erhalte ich den Film?
Hessischer Rundfunk
Abteilung Dokumentation und Archive
60222 Frankfurt
Fax 069. 155-3392
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bei Rückfragen:
Telefon 069. 155-3394
(Montag-Donnerstag: 10-12 Uhr)

Themen: „Ausländerfeindlichkeit“ und „Fremdenfeindlichkeit“(Begriffskritik) / Rassismus

Inhaltsgabe:
In der Nacht zum 19. August 2007 werden bei einem Volksfest im sächsischen Mügeln sieben Besucher mit indischem Migrationshintergrund angegriffen. Gehetzt von einer  rassistischen Menschenmenge flüchten sie sich  in eine Pizzeria, welche von einem der angegriffenen Männer geführt wird. Dort müssen sie, belagert von einer wachsenden Menschenmenge, über Stunden in Todesangst ausharren. Auf der Straße  werden rassistische und rechte Parolen wie „Ausländer raus“ und  „Hier regiert der nationale Widerstand“ skandiert. Der Mob versucht die Pizzeria zu stürmen, schlägt Scheiben und  Glastüren ein. Gerade noch rechtzeitig trifft eine Hundertschaft der Leipziger Polizei ein und verhindert vielleicht weitere Todesopfer rechter Gewalt.

Der Film rekonstruiert die Ereignisse jener Nacht. Regisseur Kamil Taylan zeigt Hintergründe und Dynamiken auf und benennt die Verantwortlichen. Er widmet sich den Konsequenzen des Angriffs, thematisiert die offiziellen und medialen Reaktionen, sowie die Folgen für die Betroffenen. Großen Raum nehmen die fehlerhaften polizeilichen Ermittlungen ein.

Ein männlicher Erzähler führt durch diese Dokumentation. Er fragt kritisch nach, kommentiert, ordnet Aussagen der Interviewpartner_innen ein und weist auf deren Leerstellen und Widersprüchlichkeiten hin. Der Film positioniert sich dabei deutlich auf Seiten der Angegriffenen.

Während die Angegriffenen aus Angst schweigen, schildern zwei weiße Mitarbeiter_innen der Pizzeria die Ereignisse.  Sie beschreiben, wie sie mit den Verletzten über Stunden in der Pizzeria auf Hilfe warteten, während der Mob versuchte, gewaltsam in die Pizzeria einzudringen: „Da hat man wirklich Angst um sein Leben“. Des Weiteren kommen Zeug_innen der Tat zu Wort. Aus ihren Aussagen wird deutlich, dass sich Menschen jeder Altersgruppe an den Angriffen beteiligt haben. Auch sind die Täter allen Interviewten bekannt, Namen will jedoch keine_r nennen. Manche von ihnen sind bis kurz vor der Ausstrahlung des Films seitens der Täter eingeschüchtert worden: „Wer wagt zu sprechen, hier, wo jeder jeden kennt?“ Bei anderen wirkt es, als wollten sie ihre tatbeteiligten Bekannten schützen.

Groß ist die Sorge um das Image der Stadt, die seitdem in den Medien als Nazihochburg verschrien ist. Kurz nach der Hetzjagd gab es einen Schweigemarsch zur Pizzeria, bei dem lediglich 100 Personen teilnahmen. Ein empörter Anwohner beginnt zu rechnen: „25 Meter [bis zur Pizzeria J.S.], das ist  doch keine Hetzjagd.“ Auch der Mügelner Bürgermeister Gotthard Deuse versucht den Ruf seiner Stadt zu retten. Da er selbst, wie auch viele Mügelner_innen gerne im Urlaub ins Ausland fahre, sei die Stadt nicht „ausländerfeindlich“.

Die Angegriffenen fühlen sich nicht mehr sicher. Einer von ihnen, Kulvir Singh, traut sich nicht mehr alleine auf die Straße und benutzt selbst für Strecken von 200 Metern nur noch das Auto. Die mag auch damit zusammenhängen, dass bis zur Fertigstellung des Films kaum ein Täter ermittelt ist. 

Lang ist die im Film präsentierte Liste der polizeilichen Versäumnisse: Hat tatsächlich keiner der beiden Kleinstadtpolizisten, die bis zum Eintreffen der Leipziger Polizei versuchten, den Mob vor der Tür der Pizzeria in Schach zu halten, jemanden erkannt, wie sie später aussagen werden? Warum hat die Leipziger Hundertschaft noch nicht einmal die Personalien der Angreifer aufgenommen? Ein Vorgehen, das, wie Taylan – aus eigener Erfahrung –  anmerkt, „eigentlich Standard jeder Polizeiarbeit“ sei. Zudem weist der Film darauf hin, dass mögliche Zeug_innen entweder gar nicht vernommen oder nur unzureichend befragt wurden. Auch fehlten ausgerechnet die Haupttäter in den umfangreichen Bildmappen, welche die Polizei von rechten Tätern aus der Region angelegt habe. Allerdings seien diese, wie ein Rechtsanwalt kritisiert, sowieso kaum den Zeug_innen vorgelegt worden.

Auch um den im Umlauf befindlichen Opfer-Täter-Umkehrungen etwas entgegenzusetzen, rekonstruiert der Film anschließend noch einmal den genauen Tathergang. Es wird deutlich, dass die Betroffenen, vor das Festzelt gelockt und anschließend von Schlägern erwartet wurden, von denen sich einige explizit zur rechten Szene bekennen. Einer von ihnen trägt auf Bildern der Tatnacht  einen Kapuzenpullover mit der einschlägigen Parole “Good night left side“. Auf einem anderen Foto ist  einer der Angreifer beim Zeigen des Hitlergrußes zu erkennen. Die Angegriffenen wehren sich, auch einer der Angreifer wird verletzt. Es folgen die Flucht und die Belagerung der Pizzeria.

Ein Jahr später verläuft das Mügelner Volksfest reibungslos. Dies mag mit der massiven Polizeipräsenz zusammen hängen sowie mit der Tatsache, dass das Fest diesmal „Inderfrei  sei“  wie Taylan zynisch  anmerkt. Der Film endet mit Bildern einer Nazisprüherei an einer Bushaltestelle, einer nach Einschätzungen Kulvir Singhs wahrscheinlich für das Filmteam bestimmten Drohung von Menschen, die sich sehr sicher fühlen in dieser Stadt.

Eine Schwachstelle des gut recherchierten Filmes ist die Wahl der Begrifflichkeiten: Inwieweit reproduziert der Film dadurch, das die deutungsmächtige Erzählstimme die Angegriffenen, die seit Jahren in Deutschland leben,  wiederholt als „Inder“ bezeichnet einen Blick, der diese zu „Anderen“ macht? Wie sie sich selbst definieren, bleibt hingegen offen. Schade ist auch, dass anstelle von Rassismus von „Fremdenfeindlichkeit“ gesprochen wird, um Angriffe auf Menschen, die schon seit Jahren in der Stadt leben, zu benennen.

Text von Julia Stegmann