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Nationalistische Front (NF):

Struktur:
In der Nationalistischen Front (NF) schließen sich Mitglieder nationalrevolutionär orientierter Gruppen aus München, Bremen und Kassel zusammen. Hinzu kommen ehemalige Mitglieder der Jungen Nationaldemokraten um Meinolf Schönborns Förderkreis Junges Deutschland (FJD) und Berliner Skinheads um Andreas Pohl. Die NF organisiert sich zentralistisch. Die Organisationsleitung legt die politischen Leitlinien fest. Unterste Stufe der Hierarchie ist der Stützpunkt, der bis zu fünf Mitglieder sowie eine größere Anzahl von Sympathisanten organisiert. Neben den Bereichen Nord, Süd und Mitte umfaßt ein - allerdings nur auf dem Papier bestehender - Bereich Ost die polnischen Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Grenze. Die NF tritt zu drei Wahlen an, bei denen sie 0,03 Prozent in Bremen (1991), 0,31 Prozent in Berlin (1992) und 1,29 Prozent in Kelheim (1992) erhält. Zum Zeitpunkt des Verbots verfügt sie über Ortsgruppen in Detmold, Bremen und Braunschweig. In Detmold-Pivitsheide unterhält die Partei ein Zentrum, das sich im Besitz von Schönborn befindet.


Aktivitäten:
Ab 1986 finden jährliche, als Ausbildungszeltlager getarnte Wehrsportlager statt. Ende Juni 1988 nimmt die NF an einer Sonnwendfeier in Frankreich teil, auf der das ehemalige SS-Mitglied Leon Degrelle eine theatralische Zeremonie vollzieht, an deren Ende eine Schwertübergabe der alten Generation an einen Kameraden der jungen Generation steht. Im September 1990 nehmen erstmals NF-Mitglieder in größerer Zahl an der Gästewoche der Deutschen Kulturgemeinschaft (DKG) in Österreich teil. Im November des Jahres beteiligen sie sich an dem Aufmarsch zum Gedenken an gefallene SS-Soldaten in Halbe. Am 6. April 1991 findet die erste Großveranstaltung der NF mit über 300 Teilnehmern in Niederaula statt. Eine Kampagne »Schluß mit dem Holocaust« wird beschlossen, deren Auftaktveranstaltung am 29. Juni in Roding stattfindet. Trotz Verbots finden sich über 400 Personen ein. Im August 1992 wird Schönborn von der Gruppe um Pohl abgesetzt, Pohl wird neuer Vorsitzender. Vor Gericht bekommt Schönborn das Recht zugesprochen, die NF weiterzuführen, die Absetzung wird für nichtig erklärt. Der Pohl-Flügel verläßt die Partei und gründet die Sozialrevolutionäre Arbeiterfront (SrA). Nach dem Verbot reorganisiert Schönborn seine Aktivitäten unter dem Namen Die Gemeinschaft. Er gibt das Periodikum Bericht zur Lage heraus und verschickt u.a. Schulungshefte. Am 30. Juni 1993 ruft er zur Gründung des Propagandaverteilkreises auf, dessen Mitglieder über eine Zentrale mit Propagandamaterial versorgt werden sollen. Auch die Aktivitäten des Klartext-Verlages werden weitergeführt. Wegen Fortführung einer verbotenen Organisation wird Schönborn im November 1995 zu einer Haftstrafe verurteilt.


Periodika:
Die Ortsgruppen der NF gaben eine Vielzahl von regionalen Blättchen heraus. Überregionale Bedeutung hat die von 1981 bis 1987 erscheinende Publikation Klartext, die als Blatt der JN beginnt. Dieser folgt 1988 bis 1990 Nachrichten aus der Szene, aus der 1991 Revolte hervorgeht. Als interner Rundbrief erscheint ab 1989 alle sechs Wochen der Aufbruch. Er »wird kostenlos an alle Mitglieder, Anwärter und einen uns bekannten Freundeskreis verschickt«.
Programmatik: In ihrem Programm bezieht sich die NF auf nationalrevolutionäre Demagogik. Sie venritt einen völkischen »Befreiungsnationalismus«, den sie mit antikapitalistischer und antiimperialistischer Propaganda gegen die »Bonzen« und die kapitalistischen und kommunistischen Systeme paart. Ihre biologistischen und ausländerfeindlichen Positionen verbrämt sie in ihrem Schulungsprogrammen als »naturalistisches Welt- und Menschenbild«.


Zusammenarbeit:
Der 1986 gegründete und ebenfalls verbotene Klartext-Verlag dient der Verbreitung der gleichnamigen Zeitung, von Schulungsmaterialien sowie Aufklebern, T-Shirts und Nazi-Rock-Musik. Er versorgt die NF mit umfangreichen Finanzen. Für Jugendliche ab 14 Jahren besteht der Jungsturm Deutschland. Der FJD bot sich dem an, der »nicht an der Front kämpfen kann, aber deshalb auch nicht abseitsstehen möchte«.[1] Im Herbst 1991 ruft Schönborn zur Bildung des Nationalen Einsatzkommandos (NEK) als paramilitärische Struktur der Partei auf. Nach Einleitung eines Verfahrens wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung gegen die Parteiführung verlagern sich diese Aktivitäten aus der Partei heraus zum Deutschen Hochleistungskampfkunstverband (DHKKV), der in der Solinger Kampfsportschule Hak-Pao unter Beobachtung des Verfassungsschutzes trainiert. Leiter des DHKKV war der Verfassungsschutz-Informant Bernd Schmitt. »Weltanschauliche Schulungen« finden gemeinsam mit der -> Artgemeinschaft und der Deutschen Kulturgemeinschaft (DKG) statt.


Bedeutung:
Die NF ist die erfolgreichste Organisation des militanten Neofaschismus in den 90er Jahren. Das Konzept, aus einem nahen Umfeld durch straffe Schulung und rigorose Auswahl Kader heranzubilden, befähigt die NF ab 1990 zu breit angelegten Aktivitäten. Dabei erhält sie Unterstützung durch die Kreise um die DKG, die sie personell und ideologisch mit aufbauen. Eine herausragende Rolle nahmen hierbei das ehemalige Mitglied der Leibstandarte Adolf Hitler, Herbert Schweiger, und Rechtsanwalt Jürgen Rieger ein. Beständig verfolgt die NF die militärische Schulung ihrer Mitglieder. Die wortstark betriebene Spaltung der Partei wandelt sich schon nach kurzer Zeit in eine erneute Zusammenarbeit der Gruppen um Pohl und Schönborn. Durch die Abspaltung und Gründung der SrA war der größere Teil der ehemaligen NF von ihrem Verbot nicht betroffen.“

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Apabiz e.V.

Quelle: www.apabiz.de/archiv/material/Profile/NF.htm

 

 

Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)

13 Jahre lang haben die Neonazis Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Bönhardt gemordet, gebombt und dutzende Banken überfallen. Die kaltblütigen und geplanten Morde offenbaren, dass die militante Neonaziszene von vielen unterschätzt wurde. Johannes Radke zeichnet die Geschichte des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrunds" nach.

Eisenach am 4. November 2011. Die Polizei entdeckt zwei Leichen in einem ausgebrannten Wohnwagen. Was anfangs nach einem Doppelsuizid zweier flüchtiger Bankräuber aussieht, stellt sich bald als die größte rechtsextreme Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik heraus. Die Ereignisse werden zum Wendepunkt im Umgang mit rechter Gewalt und der militanten Neonaziszene. Weder der Verfassungsschutz noch ausgewiesene Szenekenner hatten bis dahin derart kaltblütige und gut organisierte Mordanschläge rechter Terroristen in Deutschland für möglich gehalten.

13 Jahre lang haben die Neonazis Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Bönhardt aus dem Untergrund heraus gemordet, gebombt und dutzende Banken überfallen. Kurz nach dem Selbstmord ihrer beiden Komplizen zündete Zschäpe das Versteck der Gruppe in Zwickau an und stellt sich wenige Tage später der Polizei. Bald stellen die Ermittler fest: Die blutige Spur der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zieht sich quer durch die ganze Republik. Doch weder Polizei noch Verfassungsschutz sahen hinter den Taten ein rechtsextremes Motiv. Hunderte Beamte ermittelten jahrelang in die falsche Richtung.

Acht türkische und ein griechisch stämmiger Kleinunternehmer sowie eine Polizistin wurden von dem Trio innerhalb von sieben Jahren erschossen. Die Vorgehensweise war fast immer dieselbe.

  • Enver Şimşek, Inhaber eines Blumenhandels aus Schlüchtern, wird am 9. September 2000 an seinem Stand in Nürnberg mit acht Schüssen aus zwei Pistolen unterschiedlichen Kalibers niedergeschossen und stirbt zwei Tage später im Krankenhaus.
  • Abdurrahim Özüdoğru, Betreiber einer Änderungsschneiderei, wird am 13. Juni 2001 in seinem Geschäft in Nürnberg mit zwei Kopfschüssen getötet.
  • Der Gemüsehändler Süleyman Taşköprü stirbt am 27. Juni 2001 in Hamburg-Bahrenfeld im Laden seines Vaters durch drei Schüsse aus zwei verschiedenen Waffen.
  • Habil Kılıç, ebenfalls Gemüsehändler, wird am 29. August 2001 in München-Ramersdorf in seinem Geschäft erschossen.
  • Der Dönerverkäufer Yunus Turgut wird am 25. Februar 2004 an einem Imbiss in Rostock mit drei Kopfschüssen ermordet.
  • Am 5. Juni 2005 stirbt der Imbissbesitzer İsmail Yaşar durch mehrere Schüsse in seinem Geschäft in Nürnberg.
  • Theodoros Boulgarides, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes, wird am 15. Juni 2005 in seinem Laden in München-Westend getötet.
  • Kioskbetreiber Mehmet Kubaşık stirbt am 4. April 2006 in seinem Geschäft in Dortmund.
  • Halit Yozgat, Inhaber eines Internetcafés, wird am 6. April 2006 in Kassel durch zwei Kopfschüsse getötet.
  • Die Polizistin Michèle Kiesewetter wird am 25. April 2007 tot neben ihrem Polizeiwagen an der Heilbronner Theresienwiese gefunden. Neben ihr liegt ihr 24-jähriger Kollege schwer verletzt auf dem Boden. Kiesewetter wurde mit einem gezielten Kopfschuss getötet.

Radikalisierung in der militanten Naziszene Thüringens
Die Anfänge der NSU gehen bis in die 90er Jahre zurück. Nach dem Fall der Mauer ziehen sofort westdeutsche Kader in die neuen Bundesländer, um rechtsextreme Strukturen aufzubauen. Militante Kameradschaften schießen wie Pilze aus dem Boden. Mit Gewalt und Einschüchterung dominieren die Neonazis bald die Jugendkultur, vor allem im ländlichen Raum. Durch die rassistischen Pogrome von Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) fühlt sich die Szene zusätzlich bestärkt. Die Sicherheitsbehörden scheinen vielerorts vom geballten Hass der neuen Nazis überfordert. In diesem Klima wachsen die drei späteren Rechtsterroristen im thüringischen Jena auf. Der bundesweit größte und gefährlichste Zusammenschluss von Nazikameradschaften ist zu dieser Zeit der "Thüringer Heimatschutz" (THS). Rund 180 Mitglieder hat die Gruppierung. Mittendrin: Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Bönhardt. Sie steigen schnell in der Hierarchie auf und nehmen an Aufmärschen in ganz Deutschland teil.

1996 und 1997 beginnen sie Sprengkörper und Bombenattrappen zu basteln. Sie schicken Attrappen an das Rathaus und die Polizeistation in Jena sowie an die Thüringische Landeszeitung. Am 26. Januar 1998 finden die Ermittler schließlich in einer Garage vier funktionsfähige Rohrbomben und weiteren Sprengstoff des Trios. Doch anstatt die Tatverdächtigen sofort festzunehmen, lassen die Beamten sie vorerst laufen. Als später ein Haftbefehl da ist, sind sie längst untergetaucht.

Das Gewaltpotential der drei wird offensichtlich unterschätzt. Die Staatsanwaltschaft Gera ordnet die Rohrbombenfunde nicht als Terrorgefahr ein. Ermittelt wird lediglich wegen des "Verdacht auf Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion". Er glaube nicht, dass man "von einer schlagkräftigen Organisation, die geplant, gezielt, strategisch" vorgeht, sprechen könne, sagt Staatsanwalt Arndt Köppen in einem Fernsehinterview. Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte. "Früher oder später werden wir die Herren bei uns begrüßen können", betonte Köppen. Der Verfassungsschutz prüfte in folgenden Jahren noch erfolglos Verbindungen zu anderen THS-Mitgliedern, die ihren "Kameraden" beim Abtauchen geholfen haben sollen. Dann verlieren die Fahnder bald das Interesse an dem Trio.

Weil nicht wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung, sondern wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz ermittelt wird, muss das Verfahren 2003 eingestellt werden. Schließlich ist die Tat verjährt. Warum Zschäpe, Mundlos und Bönhardt spätestens jetzt immer noch nicht wieder auftauchen, fragte sich beim Verfassungsschutz offenbar niemand. Seit November 2011 müssen die Ermittler mühsam rekonstruieren, was in den 13 Jahren genau passiert ist.

Immer neue Fragen an die Sicherheitsbehörden
In den Trümmern der Zwickauer Wohnung entdecken die Ermittler kurz nach dem Brand eine Bekenner-DVD. Auch die Tatwaffen, die Pistole der ermordeten Polizistin sowie eine Pumpgun und eine Handgranate werden gefunden. Jetzt ist klar, dass hinter den Morden an neun Migranten und einer Polizistin die bis dahin völlig unbekannte Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) steht. Der 15-minütige Film zeigt deutlich den menschenverachtenden Hass, der die Täter antrieb. "Taten statt Worte", fordern die Neonazis darin. Vermischt mit Ausschnitten aus dem Zeichentrickfilm "Rosaroter Panther" und zynischen Kommentaren, verhöhnt die Gruppe ihre Mordopfer und kündigt weitere Aktionen an.

Inzwischen gehen die Ermittler von einem bis zu 20 Personen umfassenden Unterstützerkreis aus. Immer mehr Rechtsextremisten geraten in den Fokus der Behörden. Gleichzeitig werden immer neue Ermittlungspannen aus den vergangenen Jahre bei der Suche den Mördern bekannt. So kommt unter anderem der Verdacht auf, dass der Anführer des Thüringer Heimatschutzes Tino Brandt, der als V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitete, das Trio vor der Festnahme gewarnt haben könnte.

Wie viele Todesopfer rechter Gewalt gibt es wirklich?
Nicht nur die zahlreichen Fahndungspannen der Sicherheitsbehörden wurden in der Folge scharf kritisiert. Auch die Frage danach, wie viele Menschen tatsächlich in den vergangenen Jahren von Neonazis erschossen, verbrannt oder zu Tode geprügelt wurden, wird seit November 2011 wieder heftig diskutiert. Offiziell gab es laut der Bundesregierung seit 1990 in Deutschland 48 Todesopfer rechter Gewalt. Nach Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit und des Tagesspiegel sind in dieser Zeit jedoch mindestens 138 Menschen aus einer rechtsextremen Tatmotivation heraus ermordet worden. Rechnet man die Opfer der NSU dazu, steigt die Zahl auf erschreckende 148 Tote. Initiativen gegen Rechts und zahlreiche Politiker forderten die Regierung auf, ihre Zahlen erneut zu prüfen.

Als besonders unverständlich gilt beispielsweise die Einordnung des Mordes an drei Polizisten im Jahr 2000 in Dortmund. Der Neonazi Michael Berger erschoss Thomas Goretzky, Ivonne Hachtkemper und ihren Kollegen Matthias Larisch von Woitowitz ohne Vorwarnung mit gezielten Kopfschüssen aus seinem Auto heraus. Später richtete er die Waffe gegen sich selbst. Bis heute werden die Toten nicht offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Man habe das genaue Motiv des Schützen nicht mehr klären können, weil er selbst tot war, lautete damals die nüchterne Begründung der Staatsanwaltschaft. Inzwischen prüft der Verfassungsschutz eine Verbindung von Berger zur Zwickauer Terrorzelle.

"Der Kampf geht weiter nur voran, für unser Deutsches Vaterland"
Für die Szene galten die untergetauchten Kampfgenossen Mundlos, Zschäpe und Bönhardt schon seit 1998 als Helden. Ein Jahr nach dem Abtauchen des Trios widmete das Nazi-Liedermacher-Duo "Eichenlaub" aus Thüringen den flüchtigen Rechtsterroristen eine Lobeshymne. Zu der Melodie von "Knockin’ on Heaven’s Door" singt eine Frauenstimme theatralisch: "Die Polizei kam euch auf die Spur. Nun hieß es Abschied, für wie lange nur?". Der Titel "5. Februar" bezieht sich offensichtlich auf den Tag an dem die drei endgültig beschlossen in den Untergrund zu gehen. "Ihr saht wohl keinen anderen Weg [...] Doch jetzt ist es zu spät", geht das Lied weiter. "Wir denken oft an Euch" Der letzte Satz des Textes deutet auf weitere Aktionen der Flüchtigen hin: "Die Kameradschaft bleibt bestehen [...] der Kampf geht weiter nur voran, für unser Deutsches Vaterland."

Einen deutlichen Bezug der rechten Szene zu der rassistischen Mordserie, lieferte 10 Jahre später die Gruppe "Gigi und die braunen Stadtmusikanten". Ausgiebig feiert die Band auf ihrem 2010 erschienenen Album "Adolf Hitler lebt" in dem Lied "Dönerkiller" die Morde. Die Bundesprüfstelle indizierte die CD im selben Jahr. Der Staatsschutz ermittelte wegen Volksverhetzung. Einen Hinweis an die wegen der Morde ermittelnde Sonderkommission "Bosporus" in Nürnberg wurde jedoch nicht weitergegeben.

"Wenn wir Glück haben, verschwinden erst die Dönerbuden und dann der Rest der Mischpoke."
Die Reaktionen des rechten Spektrums auf die Aufdeckung der Mordserie waren geteilt. Den Rechtsextremisten sind die negativen Folgen für ihr Bild in der Öffentlichkeit durchaus bewusst. Der Großteil der Szene reagierte deshalb mit dem, was Neonazis gerne tun, wenn sie etwas nicht erklären können: sie erfinden abstruse Verschwörungstheorien. In dutzenden Nazi-Foren wird behauptet, dass der NSU eine Geheimdienstoperation vom Verfassungsschutz oder gar vom Israelischen Geheimdienst gewesen sei, um die rechte Szene zu schwächen. Die einsetzende Diskussion um ein neues Partei-Verbotsverfahren, brachte auch die NPD dazu sich gebetsmühlenartig von den Morden zu distanzieren. Dass sich im Netzwerk der mutmaßlichen Helfer auch viele langjährige NPD-Funktionäre befinden, erwähnte die Parteispitze mit keinem Wort.

Davon abgesehen gibt es einen kleinen Teil des rechtsextremen Spektrums, der die Morde offen befürwortet. Beispielsweise das Modelabel "Reconquista" aus Berlin. Die Firma verkauft seit Neustem ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Killer-Döner nach Thüringer Art", um die Opfer zu verhöhnen. Ähnlich der stellvertretende Nürnberger NPD-Kreisvorsitzende Rainer Biller. Er stellte auf seine Facebookseite nicht nur ein Bild aus der Bekenner-DVD, sondern auch ein Foto des Imbissstands in der Nürnberger Scharrerstraße, dessen Besitzer von den Rechtsterroristen ermordet wurde. Billers Kommentar: "Tod dem Döner, es lebe die Nürnberger Bratwurst". Darunter schrieb er "Wenn wir Glück haben, verschwinden erst die Dönerbuden und dann der Rest der Mischpoke." Die SPD-Landtagsabgeordnete Helga Schmitt-Bussinger erstattet daraufhin Anzeige gegen den NPD-Politiker.“

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Quelle: Johannes Radke: Rechtsterrorismus in Deutschland. Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU). Erschienen am 05.12.2011. www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/45260/der-nationalsozialistische-untergrund-nsu?p=all

 

Weitere Informationen:


Aktuelle Entwicklungen und Prozessberichte lassen sich unter: NSU Watch »Aufklären und Einmischen« | »Aydınlatma ve Müdahele« nachlesen: www.nsu-watch.info


NSU Watchblog. Informationen zu Rechtsterrorismus und dem "Nationalsozialistischen Untergrund" http://nsu-watch.apabiz.de
Bündnis gegen das Schweigen (Hg.): Resolution. Aufklären und Einmischen: Konsequenzen aus der rassistischen NSU-Mordserie ziehen. Online unter: http://buendnis-gegen-das-schweigen.de (Stand.26.10.2012)


Rechter Terror und Verfassungsschutz. Wenn der Staat versagt. Kommentar von Heribert Prantl vom 17. November 2011 www.sueddeutsche.de/politik/rechter-terror-und-verfassungsschutz-wenn-der-staat-versagt-1.1191241

 

 

Neonazistische Codes und Symbole

Lebenswelt, Funktionsweise und Dynamik
Das Hakenkreuz kennen alle, den Gruß »Heil Hitler« auch. Doch was macht man, wenn solche Inhalte versteckt werden, wenn aus »Heil Hitler« die Zahlenkombination 88 wird?
Der Sportlehrer freut sich vielleicht, dass seine Schützlinge auch in der Freizeit Basketball-Shirts tragen. Und die Nummer 88 ist sicherlich ein bekannter Profisportler, den er nur nicht kennt. Was für Außenstehende unauffällig wirkt, hat für diejenigen, die den Code entschleiern können, eine klare Bedeutung.

Die mehr als 150 bekannten Symbole und Codes, die verschlüsselt oder offen eine rechte politische Orientierung ausdrücken, sind für Außenstehende meistens nicht erkennbar. Sie sind mehr als nur Erkennungsmerkmal für Gleichgesinnte: Sie vermitteln ein Gruppengefühl und transportieren eine eindeutige politische Botschaft. Politische Symbole sind nichts anderes als komprimierte Darstellungen der wesentlichen Grundsätze einer Weltanschauung. Ihre Wiedergabe vermittelt einen bestimmten Inhalt, eine Zugehörigkeit, oder ist bei jugendlichen TrägerInnen erst einmal »nur« Ausdruck eines Gefühls. Das »Sich-rechts-Fühlen« steht im Vordergrund und schließt einen ausformulierten politischen Inhalt nicht zwingend mit ein. Die politische Botschaft kann sich in der Aufwertung des Eigenen und der Ablehnung alles Fremden erschöpfen.

Hinzu kommt, dass viele Symbole subjektiv interpretiert werden können. Mit teilweise abenteuerlichen Begründungen werden sie irgendwie in das eigene neonazistische Weltbild eingepasst. So können rote Schnürsenkel in der einen Kleinstadt für »die Zecken« (abwertender Begriff für linke Jugendliche), im angrenzenden Landkreis aber für Blood & Honour stehen.

Grundlegend lassen sich die verwendeten Zeichen in zwei Kategorien einteilen – diejenigen mit offenen und diejenigen mit verdeckten Botschaften. Die Ersten dienen der offenen politischen Selbstdarstellung der Träger-Innen und sind oft aus einem historischen Bezug zum Nationalsozialismus erklärbar. Sie lassen wenig oder gar keinen Raum für individuelle Interpretationen. Dies trifft für die Symbole mit nationalsozialistischem Bezug sowie die Embleme und Logos extrem rechter Organisationen zu.

Anders jedoch funktionieren die versteckten Glaubensbekenntnisse. Die Codes sind nur Eingeweihten bekannt und tragen somit vor allem zur Bildung einer Gruppenidentität der rechten Szene nach innen bei. Nur durch Kenntnis des zugeordneten Inhalts kann das Symbol verstanden werden. Eine außenstehende Person weiss kaum, dass die Zahlenkombination 28 für das in Deutschland verbotene Neonazi-Skinhead-Netzwerk Blood & Honour steht. Nach innen – d.h. in die eigenen Kreise hinein – ist die 28 das Erkennungszeichen für AnhängerInnen und SympathisantInnen von Blood & Honour. Viele der jugendkulturellen Dresscodes, die Auswahl der angesagten Modemarken und anderer jugendkultureller Codes betreiben dieses Versteckspiel.

Die Szene trägt einem staatlichen Verfolgungsdruck Rechnung, eignet sich darüber hinaus Modefragmente aus anderen Jugendszenen an und interpretiert sie neu. Der klassische Neonazi-Skinhead ist vielfach zum Medienklischee verkommen, viele Neonazis identifizieren sich heute mit den Jugendkulturen des Black-Metal und des Neofolk oder sie verstehen sich als »ganz normale« Jugendliche ohne jede subkulturelle Attitüde. Diese Entwicklung spiegelt sich in einem stilistischen Wandel und in einer Verbreiterung der Symbolpalette wider. Die brachiale Anti-Ästhetik weicht einem dem Mainstream angepassten, modisch-athletischen Erscheinungsbild. Poppige Farben und Flammenwände ersetzen schwarzweiß- rot und Frakturschrift, klobige Dr.-Martens-Stiefel werden gegen New-Balance-Sportschuhe ausgetauscht. Dies macht den Umgang mit TrägerInnen dieser Symbole sehr viel schwieriger, da nur wenige von denen, die Fred-Perry-T-Shirts oder New-Balance-Schuhe tragen, auch Neonazis bzw. Rechte sind.

Diese Entwicklung ergänzt sich mit dem verstärkten Bemühen der Szene, sich einen sozialrevolutionären Habitus zu verschaffen und in die Tradition einer radikalen Systemopposition zu stellen. Darüber wurde ein neues Problemfeld eröffnet: die (versuchte) Übernahme linker oder vermeintlich linker Symbole. Das Tragen von »Palästinenser-Tüchern« und die Nutzung schwarzer Fahnen gehören bei neonazistischen Auftritten beinahe schon zum Standardrepertoire, Symbole antifaschistischer Gruppen und Kampagnen erfahren ihre Verfremdung und werden ins Gegenteil verkehrt. Selbst der Irokesen-Schnitt, weithin als Punk-Frisur verstanden, ist heute unter Neonazis kein Tabu mehr.

Moderne Nazis?
Die heutigen neonazistischen Szenen funktionieren auch ohne strikten hierarchischen Aufbau, ohne Uniformität, ohne stilistische und ästhetische Eindeutigkeit.

Zur Beschreibung dessen hat sich der scheinbar widersprüchliche Terminus von »modernen Nazis« etabliert. Das Moderne, das Neue ist, dass es den extrem rechten Szenen gelingt, ihre »alten« Ideen an die Bedürfnisse und Lebensrealitäten der Jugend anzupassen. Man nutzt moderne Kommunikationsmittel, um sich mitzuteilen. Man baut Strukturen auf, die integrativ und tagespolitisch handlungsfähig sind, die Soziales, Kulturelles und Politisches zu einem geschlossenen lebensweltlichen Komplex verbinden.

Und modern ist der Style, in den man sich verpackt. Der Einzelne empfindet keinen Widerspruch darin (wie rechts zu sehen), das mit Symbolen des alten Germanentums tätowierte Bein in modische Kurzsocken und New-Balance-Turnschuhe zu stecken und den Seitenscheitel mit extravaganten Bartzöpfen zu kombinieren. Man kann sich auch mit Piercings als »Old School Racist« fühlen und zu Adolf Hitler bekennen. Auffallend ist jedoch: Häufig sind es die popkulturell orientierten SzenegängerInnen, die sich durch besonders radikale Äußerungen profilieren und durch gewalttätige Aktionen auffallen, ganz so als müssten sie sich und ihrem Umfeld immer wieder aufs Neue beweisen, dass sie »richtige« Nazis sind. Die strikte Orientierung am Nationalsozialismus hat sich nicht geändert. Der einzelne Jugendliche mag die eine oder andere Facette von Hitlers Politik kritisch sehen, seine Vorbilder in der vorgeblich »sozialistischen« Strömung des Nationalsozialismus (NS) um die Gebrüder Strasser oder in den Vordenkern der »Konservativen Revolution« finden und deren Symbole aufgreifen. Er geriert sich gerne tolerant und aufgeschlossen, setzt sich provokativ für Meinungsfreiheit ein – und marschiert dann doch »zu Ehren« von Rudolf Heß, leugnet die Verbrechen des Nationalsozialismus und gibt sich einem hasserfüllten Rassismus und Antisemitismus hin.

Neonazistische StrategInnen setzen den modernen Lifestyle als taktisches Mittel ein. Sie haben wenig Angst vor einer Verwässerung der dahinterstehenden Ideologie. So bemerkte der norddeutsche Kameradschaftsführer Peter Borchert im Jahre 2003 in einer Gesprächsrunde bei der NPD: »Meiner Meinung nach ist eine Demonstration je bunter sie ist, auch desto besser. Denn entscheidend ist nicht, wie bunt oder wie unbunt wir sind, sondern das was im Herzen schlägt – und im Herzen schlägt unsere Farbe braun, schon mal ganz klar“.“

 

Der Text: "Hintergrund. Lebenswelt, Funktionsweise und Dynamik" stammt aus der Broschüre „Das Versteckspiel“ www.dasversteckspiel.de/hintergrund.php?nid=2)

Die u.a, mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee 2012 ausgezeichnete Broschüre “Das Versteckspiel“ bietet Multiplikator_innen Hintergrundinformationen zu neofaschistischen Jugendkulturen und deren Lifestyle.

Weitere Infos unter: www.dasversteckspiel.de/index.php?id=34&stufe=34