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„Sarrazin-Debatte“

Aus der Beschwerde des deutschen Instituts für Menschenrechte und des Türkischen Bunds in Berlin-Brandenburg e.V. vor dem UN-Antirassismus-Ausschuss:
„Als das der Beschwerde [des deutschen Instituts für Menschenrechte und dem Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg e.V. vor dem UN-Antirassismus-Ausschuss J.S. ] zugrunde liegende Interview in der Kulturzeitschrift „Lettre International“ im September 2009 veröffentlicht wurde, war Thilo Sarrazin Mitglied im Vorstand der Deutschen Bundesbank. Auch zuvor hatte er hohe öffentliche Ämter ausgeübt, zuletzt als Finanzsenator des Landes Berlin. Die Äußerungen Sarrazins in dem Interview lösten heftige Reaktionen und Diskussionen in der Öffentlichkeit aus. Einige zentrale Sätze aus dem Interview wurden vielfältig in den deutschen Medien wiedergegeben und diskutiert. Dazu gehört etwa der Satz, dass „eine große Anzahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (...) keine produktive Funktion (habe), außer für den Obst- und Gemüsehandel“, seine auf die diese Bevölkerung gemünzte Formulierung, dass sie „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“, und die Aussage „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.“ Weitere hervorgehobene Äußerungen waren etwa, dass „türkische Jungen nicht auf weibliche Lehrer hören, weil ihre Kultur so ist“, und dass „große Teile“ „der Araber und Türken“ „weder integrationswillig noch integrationsfähig“ seien. Ob seine Äußerungen rassistisch sind, wurde vor allem in Bezug auf folgende Formulierung diskutiert: „Man muß davon ausgehen, daß menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, daß der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.“

Einige prominente Personen des öffentlichen Lebens haben Sarrazin unterstützt oder als „Tabubrecher“ gegen Kritik verteidigt. Medienberichten zufolge erhielten Sarrazin wie auch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD),
der er angehört, eine große Anzahl an zustimmenden Zuschriften. Andere Personen des öffentlichen Lebens und der Politik kritisierten ihn scharf, auch Nichtregierungsorganisationen wie etwa Gewerkschaften oder Wohlfahrtsverbände. Rechtsextreme Parteien haben sich Sarrazins Thesen zu eigen gemacht.

Die SPD leitete wegen der Interview-Äußerungen ein innerparteiliches Sanktionsverfahren (Parteiordnungsverfahren) ein. In diesem Verfahren wurde ein umfangreiches wissenschaftliches Gutachten erstellt, das die Äußerungen im Interview als rassistisch qualifiziert. Dass das Verfahren nicht zu einem Parteiausschluss wegen Verletzung der
Grundsätze der Partei führte, stieß öffentlich eben so auf Kritik wie auf Zustimmung.

Im August 2010 veröffentlichte Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, in dem er die in dem Interview enthaltenen Positionen vertieft. Die dadurch abermals ausgelöste Debatte verlief noch intensiver und heftiger und lieferte im besonderen Maße ein Beispiel für das Verständnis und den Umgang mit Rassismus im Einwanderungsland Deutschland im 21. Jahrhundert. Während Sarrazin in dem Interview vor allem von „Türken“ oder „Arabern“ gesprochen hat, spricht er in dem Buch außerdem von „muslimischen Migranten“, denen er weiterhin in verallgemeinernder und herabwürdigender Weise bestimmte negative Eigenschaften zuschreibt. Dabei greift er offen auf den biologistischen Determinismus als Argumentationslinie zurück. Seine Aussagen gehen einher mit Thesen zur „genetischen Identität“ eines Volkes, in denen er die Vererbung von Eigenschaften - insbesondere von Intelligenz - mit der „Kultur“ von Menschen in einen Zusammenhang setzt. Dabei nimmt Sarrazin in seiner Argumentation unter anderem Bezug auf Francis Galton (1822-1911), der als Begründer der Eugenik gilt, den wissenschaftlichen Rassismus sowie die rassistischen Vererbungslehren des 19. und 20. Jahrhunderts prägte.

Nach dem exklusiven Vorabdruck von Buchauszügen in zwei bundesweiten Presseorganen mit großer Leserschaft, dem Wochenmagazin Der Spiegel und dem Boulevardblatt Bild wurde das Buch zentrales Thema in den deutschen Medien, gefördert durch zahlreiche Auftritte des Autors in Talkshows und Interviews mit ihm. Sarrazin wurde dabei als „Realo-Politiker“ und Provokateur präsentiert, der bestehende Tabus breche, insbesondere in der deutschen Integrations- und Zuwanderungspolitik.In etlichen Nachrichtenmagazinen, Zeitungen und Sendern wurde pauschalisierend über angebliche intellektuelle, charakterliche und soziale Defizite des muslimischen Bevölkerungsanteils diskutiert.

Zudem wurde in der öffentlichen Debatte von Musliminnen und Muslimen generalisierend als „Migranten“ gesprochen – egal ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder auch in Deutschland geboren wurden. Von diesem andauernden Konstruktionsprozess sind nicht nurpraktizierende Muslime betroffen. Vielmehr lässt sich beobachten, dass die BezeichnungenTürkin/Türke oder Araberin/Araber einerseits und Muslimin/Muslim anderseits synonym verwendet werden.

Obwohl rechtsextreme Parteien sich die in Interview und Buch geäußerten Thesen zu eigenmachten – bis hin zum der Wahlparole im Berliner Wahlkampf „Wählen gehen für Thilos Thesen!“ – wurde in der öffentlichen Debatte nur teilweise thematisiert, inwieweit Sarrazin ein Menschenbild zugrunde legt, das mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten als Fundament der deutschen Staats- und Gesellschaftsordnung nicht im Einklang steht.Vereinzelt haben auch staatliche Akteure die Forderungen Sarrazins aufgegriffen und dabei die Stigmatisierung und Stereotypisierung von Muslimen in Deutschland betrieben.

Ob sich Sarrazin mit seinen Äußerungen wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) strafbar gemacht haben könnte, war kaum Gegenstand der Debatte, wenngleich in den Medien zumindest über einige Strafanzeigen gegen Sarrazin berichtet wurde. Vielmehr sahen einige Medien und Kommentatoren – wie schon zuvor bei dem Interview - in geäußerter Kritik an Sarrazins Thesen die Meinungsfreiheit in Frage gestellt. Diese Stoßrichtung der Debatte bezog sich unter anderem auf die Bundeskanzlerin, die Äußerungen Sarrazins als „schlichte Pauschalurteile“ und „dumm“ gebrandmarkt hatte,die „äußerst verletzend und diffamierend“ seien.

Nur selten wurde in der Debatte die Frage gestellt, welche Wirkungen und Konsequenzen die öffentliche Debatte bei den Betroffenen und in ihrem Alltag auslöst. Dabei hatte die Debatte erhebliche Auswirkungen auf das Klima im Land. Dazu gehört beispielsweise auch, dass Personen, die sich öffentlich kritisch zu Sarrazins Thesen geäußert haben, Hassmails und Morddrohungen bekamen und in Internetblogs verunglimpft wurden.“

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Herausgebenden

Quelle : Aus der Stellungnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte im Verfahren vor dem UN-Antirassismus-Ausschuss.
Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg e.V. ./. Deutschland (Beschwerde-Nr. 48/2010) Dezember 2011:
www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Stellungnahmen/Stellungnahme_DIMR_im_Verfahren_vor_dem_UN_Antirassismus_Ausschuss_TBB_Deutschland.pdf

 


Weitere Texte:

Dr. phil. Gideon Botsch: Gutachten im Gutachten im Auftrag des SPD-Kreisverbandes
Spandau und der SPD-Abteilung Alt-Pankow zur Frage: „Sind die Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin im Interview mit der Zeitschrift Lettre International (deutsche Ausgabe, Heft 86) als rassistisch zu bewerten?“22. Dezember 2009.
www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/100129_hinweise_2_sarrazin.pdf

Beschluss des Antirassismusauschusses der UN (CERD): United Nations CERD/C/82/D/48/2010 International Convention on the Elimination of All Forms of Racial Discrimination Communication No. 48/2010 www2.ohchr.org/English/bodies/cerd/docs/CERD-C-82-D-48-2010-English.pdf

UN-Antirassismus Ausschuss (CERD) rügt die Bundesrepublik im „Falle Sarrazin“. Pressemitteilung des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB) http://tbb-berlin.de/?id_presse=225

Cengiz Barskanmaz: UN-Ausschuss (CERD): Sarrazins Aussagen sind rassistisch Do 18 Apr 2013:
www.verfassungsblog.de/de/un-ausschuss-cerd-sarrazins-aussagen-sind-rassistisch/#.UXgJuEpp7UO

Deutsches Institut für Menschenrechte: Stellungnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte im Verfahren vor dem UN-Antirassismus-Ausschuss. Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg e.V. ./. Deutschland (Beschwerde-Nr. 48/2010) Dezember 2011 www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Stellungnahmen/Stellungnahme_DIMR_im_Verfahren_vor_dem_UN_Antirassismus_Ausschuss_TBB_Deutschland.pdf

UN-Antirassismus Ausschuss (CERD) rügt die Bundesrepublik im „Falle Sarrazin“. Pressemitteilung des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB) http://tbb-berlin.de/?id_presse=225

UN rügt Deutschland. Thilo Sarrazins Aussagen waren rassistisch
www.migazin.de/2013/04/19/thilo-sarrazins-aussagen-waren-rassistisch

 

 

Skinheads

  1. Nicht jeder Skinhead ist automatisch ein Rechtsextremer
  2. Die wenigsten Rechtsextremen kleiden sich heutzutage noch wie Skinheads. Viele Neonazis tragen inzwischen sportliche, unauffällige Kleidung, die oft nur für Szenekenner Rückschlüsse auf ihre politische Gesinnung zulässt. Bomberjacken, Tattoos, Springerstiefel und Glatze - das gemeinsame Identifikationsmerkmal von Skinheads ist Männlichkeitskult und ein martialisches Auftreten. Aber auch wenn es in den Medien vielfach falsch dargestellt wird, hattten Skinheads und Skingirls ursprünglich nichts mit Rechtsextremismus zu tun. Auf diese Tatsache verweisen etwa Seiten wie http://du-sollst-skinheads-nicht-mit-nazis-verwechseln.de/.

Die Skinheadbewegung entstand Ende der 60er Jahre in London. Weiße Jugendliche aus Arbeiterfamilien entdeckten zu dieser Zeit ihre Liebe zur Reggae-Musik der jamaikanischen Einwanderer. Sie tanzten gemeinsam mit schwarzen Jugendlichen in den Klubs zu Ska und Reggae-Rhythmen. Um sich vom damaligen Trend zu langen Haaren abzugrenzen rasierten sich die Skinheads ihre Köpfe kahl und inszenierten sich dadurch selbst als schwer integrierbare "Arbeiterklasse" und Ausgestoßene der Gesellschaft.
Anfang der 70er Jahre begann jedoch die rechtsextreme britische National Front gezielt, die Skinheadszene zu vereinnahmen. Mit rassistischen und demokratiefeindlichen Parolen schafften die Rechtsextremen das vorhandene Wut- und Gewaltpotential in der Skinheadszene in ihrem Sinne zu kanalisieren. Nicht zuletzt durch die starke Medienberichterstattung über Naziskinheads bekam die Szene aus dieser Richtung immer mehr Zulauf. Als Resultat gilt bis heute für viele Menschen die gesamte Skinhead-Bewegung als rechtsextrem. Dabei gibt es viele unterschiedliche Strömungen innerhalb der Szene: linksradikale "Red Anarchist Skinheads" (RASH), antirassistische "SHARP-Skins" (Skinheads Against Racial Prejudice), unpolitische "Oi-Skins", aber eben auch rechtsextreme "Hammerskins" und "Boneheads". Für Außenstehende ist diese Heterogenität der Skinheadszene nur schwer zu verstehen.
Gemeinsam haben die verschiedenen Strömungen nur das Interesse an Musik, Konzerten, Alkohol und das Ausleben eines Männlichkeitskults, verbunden mit dem selbst erschaffenen "Outlaw"-Gefühl. Auffallend bleibt, dass der Anteil von Skinheads innerhalb der Neonaziszene stetig abnimmt. "Echte" Naziskinheads, wie man sie von Fotos aus den 80er und 90er

Quelle: http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/skinheads

 

 

Shoah/Holocaust

S(c)hoa(h)
Der hebräische Begriff Shoah bezeichnet die Vernichtung der europäischen Juden während des Nationalsozialismus. Ins Deutsche übersetzt, bedeutet Shoah „Katastrophe“, „Vernichtung“ oder „Zerstörung“14.

Das Wort ist religiösen Ursprungs. In der hebräischen Bibel bezeichnet Shoah eine Bedrohung, ein zukünftiges „Unheil“, welches das Volk Israel trifft. Während im angelsächsischen Raum der Begriff „holocaust“ synonym verwendet wird, bezeichnet die jüdische Bevölkerung seit der Staatsgründung Israels die Massenvernichtung der Juden in Deutschland und Europa als „Shoah“15. Im Kontext jüdischer Auseinandersetzung und Erinnerungskultur transportiert diese Bezeichnung deutlicher die mit dem Genozid an der jüdischen Bevölkerung verbundene Traumatisierung16.

In den deutschen Sprachgebrauch findet der Begriff erst mit Veröffentlichung des gleichnamigen Dokumentarfilmes von Claude Lanzmann im Jahre 1986 Eingang17. Im Deutschen gibt es bis heute keinen eigenen Begriff und die Nutzung sowohl des Wortes „holocaust“ als auch „Shoah“ sind umstritten18. Der Historiker Michael Wolfssohn beispielsweise bemängelt, dass beide Bezeichnungen Fremdwörter sind und ihre Verwendung durch Deutschsprachige daher deren konkrete Auseinandersetzung mit den Verbrechen vermindern kann19. Die Nutzung des Wortes „Shoah“ im deutschen Sprachgebrauch wird auch deshalb als problematisch angesehen, weil es unangemessen erscheint, „im Land der Täter einen Begriff zu verwenden, der von Opfern geprägt worden ist und ihre Perspektive reflektiert“20. Autorin: Gesine Lenkewitz

1939-1945 Der NS-Völkermord
„Die forcierte Auswanderung von Juden aus Deutschland war lange vorrangiges Ziel nationalsozialistischer Politik. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges kam die jüdische Auswanderung faktisch jedoch zum Erliegen. Je weiter sich der nationalsozialistische Machtbereich im Verlauf des Krieges ausdehnte, desto weniger wurden die Befürworter von "Aussiedlungsideen", wie es zum Beispiel der "Madagaskar-Plan" gewesen war. Mit dem Auftakt des Kriegs radikalisierte das NS-Regime seine "Judenpolitik". So mussten die Juden 1939 ihre Rundfunkgeräte und Wertgegenstände abliefern und sich an besondere Ausgangssperren halten. Seit September 1941 mussten alle Juden in Deutschland den "Gelben Stern" tragen. Wenig später begannen die Deportationen aus dem "Altreich" in den Osten, vor allem in die Ghettos des von Deutschen besetzten polnischen "Generalgouvernements".

Der deutsche Überfall auf Polen im Herbst 1939 war begleitet von Exzessen an der polnischen Bevölkerung. Juden wurden auf offener Straße schikaniert und gequält. Die den Truppen der Wehrmacht folgenden Einsatzgruppen ermordeten neben Juden auch polnische Politiker, Geistliche, Lehrer und Ärzte, aber auch Arbeiter und Gewerkschafter. Nach der NS-Rassenideologie galten nicht nur Juden sowie Sinti und Roma als "minderwertig", sondern die slawischen Völker insgesamt, vor allem Russen und Polen. Im Dezember 1939 begannen die ersten Massendeportationen aus dem Warthegau in das "Generalgouvernement". Im Rahmen einer völkisch-rassischen "Flurbereinigung" sollten die dem Deutschen Reich eingegliederten polnischen Gebiete durch Deportationen der polnischen und jüdischen Bevölkerung sowie der Besiedelung mit Volksdeutschen vollständig "eingedeutscht" werden.

Seit dem 1. Dezember 1939 mussten die jüdischen Einwohner im Generalgouvernement eine Armbinde mit blauem Davidstern auf weißem Untergrund tragen. Damit waren Juden äußerlich erkennbar und mussten jederzeit mit antisemitischen Angriffen rechnen. In den besetzten Gebieten richteten die deutschen Besatzer Ghettos für die jüdische Bevölkerung ein. Die Todeszahlen in den Ghettos waren immens. Tausende Juden starben monatlich an den katastrophalen Lebensbedingungen oder durch Zwangsarbeit, die sie für die Deutschen verrichten mussten.
Das Ziel von Adolf Hitler war die Eroberung von "Lebensraum im Osten", und dafür musste die Sowjetunion unterworfen werden. Der von Heinrich Himmler 1941 in Auftrag gegebene "Generalplan Ost" enthielt detaillierte Pläne zur ethnischen Umstrukturierung und zur "Germanisierung" der zu erobernden Gebiete mit einer als rassisch wertvoll betrachteten Bevölkerung. Zugleich sollte der Osten das Deutsche Reich mit Nahrungsmitteln versorgen. Schon deshalb wurde der Tod vieler Millionen Menschen einkalkuliert. Mit dem am 22. Juni 1941 begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion erhielt die NS-Vernichtungspolitik eine neue Dimension. Anders als die militärischen Auseinandersetzungen im Westen war der Feldzug im Osten als rassenideologischer Raub- und Vernichtungskrieg konzipiert worden, und als solcher wurde er von Beginn an geführt. Systematisch töteten mobile Mordkommandos Juden, Sinti und Roma und kommunistische Funktionäre. Sie erschossen Männer, Frauen und Kinder in Wäldern oder auf freiem Feld und verscharrten sie in Massengräbern, [Flugblatt der Wehrmacht mit Aufforderung zum Überlaufen, 1943] so auch in der Schlucht Babi Jar bei Kiew, wo Ende September 1941 rund 34.000 Juden einem Massaker zum Opfer fielen. Die deutsche Militärverwaltung tolerierte diese Verbrechen, an vielen Orten unterstützten Wehrmachtseinheiten logistisch die vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei sowie die mehr als 30 Polizeibataillone, die in den Jahren 1941/42 über eine Million Menschen in der Sowjetunion ermordeten.

Im Verlauf des Jahres 1941 hatte die NS-Führung die Ermordung aller im deutschen Machtbereich lebenden Juden beschlossen. Die "Endlösung der Judenfrage" sollte nicht auf die Zeit nach dem erwarteten Sieg über die Sowjetunion verschoben werden. Bis heute liegen keine Belege für einen schriftlichen Befehl Hitlers zur Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung vor. Lokale Initiativen von Machthabern in den besetzten Gebieten und selbstgeschaffene Sachzwänge wie Versorgungsengpässe, Nahrungsmittelknappheit und drohende Epidemien lösten eine Radikalisierung von Entscheidungen und Prozessen aus. Kaum eine Institution des NS-Regimes blieb beim Völkermord unbeteiligt, und es herrschte die feste Überzeugung vor, dem Willen des "Führers" entgegenzuarbeiten und seine antisemitische Mission zu erfüllen.
Bereits am 31. Juli 1941 war dem SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und engster Mitarbeiter von Heinrich Himmler, die administrative Vorbereitung der "Endlösung der Judenfrage" übertragen worden. Zuständig für die zentrale Organisation der Deportationen war der Leiter im Referat IV B 4 ("Judenangelegenheiten"), Adolf Eichmann. Hunderttausende Juden aus fast ganz Europa wurden nun in die Ghettos im Osten deportiert. Die systematische Deportation der deutschen Juden begann im Oktober 1941, die ersten von ihnen starben am 25. November bei Massenerschießungen im litauischen Kaunas. Die letzte Phase der NS-Judenpolitik war nunmehr ausschließlich auf die Ermordung der Juden ausgerichtet. Der Völkermord an den Juden, aber auch an Sinti und Roma hatte bereits begonnen, als Heydrich am 20. Januar 1942 auf der "Wannsee-Konferenz" mit Staatssekretären und hohen Funktionären des NS-Staats die verwaltungsmäßige Umsetzung und technisch-organisatorische Details der "Endlösung der Judenfrage" besprach. Nun setzte das NS-Regime alle Mittel ein, um den Völkermord europaweit zu koordinieren und systematisch durchzuführen.

Im Vernichtungslager Chelmno im Reichsgau Wartheland wurden Juden seit Dezember 1941 vergast. Die Erschießungen von Juden hatten sich für die Beteiligten auf die Dauer als zu anstrengend erwiesen, weswegen hier eine distanziertere Methode erprobt wurde. Die Menschen wurden in Gaswagen - Möbelwagen ähnliche LKWs - gepfercht, in denen sie langsam und qualvoll an Kohlenmonoxyd-Abgasen erstickten. Die Vergasung in Chelmno wurde von dem Mordpersonal geleitet, das entsprechende Erfahrungen bei der "Euthanasie"-Aktion im Deutschen Reich gegen Behinderte gesammelt hatte. Die zwischen März und Juli 1942 im Distrikt Lublin geschaffenen Vernichtungslager der "Aktion Reinhardt" - Belzec, Sobibor und Treblinka - wurden ebenfalls von "Euthanasie"-Experten aufgebaut. Diese drei Lager waren für die Juden im "Generalgouvernement" bestimmt. Allein in Treblinka wurden in den Gaskammern vermutlich 900.000 Juden vor allem aus dem Warschauer Ghetto ermordet. Insgesamt fielen den Massentötungen in den drei Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka bis zum Abschluss der "Aktion Reinhardt" im Oktober 1943 rund 1,75 Millionen zumeist polnischer Juden zum Opfer. Der Wert der Gegenstände wie Uhren, Brillen, Schmuck etc., die den getöteten Juden abgenommen wurden, lag bei rund 180 Millionen Reichsmark, die einem Sonderkonto der Schutzstaffel gutgeschrieben wurden.

Zentrum der NS-Vernichtungspolitik war das 1940 errichtete Konzentrationslager (KZ) Auschwitz, wo die SS auf Anweisung des Lagerkommandanten Rudolf Höß bereits im September 1941 das Giftgas Zyklon B an sowjetischen Kriegsgefangenen "erprobt" hatte. Seit Anfang 1942 fuhren die Deportationszüge aus fast ganz Europa in das größte Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Ab 1942 wurden Juden aus dem Deutschen Reich, dem "Protektorat Böhmen und Mähren", Polen, der Slowakei, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Norwegen nach Auschwitz deportiert. 1943 folgten Juden aus Griechenland und Italien. Zwischen Mai und Juni 1944 ließ Eichmann die ungarischen Juden nach Auschwitz deportieren. Das von deutschen Truppen besetzte Serbien galt bereits im April 1942 als "judenfrei". Dort waren die Juden an Ort und Stelle erschossen oder in Gaswagen ermordet worden.

Tausende Menschen kamen in Auschwitz neben der systematischen Ermordung auch durch medizinische Versuche um, wofür besonders der Mediziner Josef Mengele verantwortlich war. Nachdem Himmler im Sommer 1942 den weiteren Ausbau von Auschwitz befohlen hatte, wurde ab 1943 mit vier Gaskammern und angeschlossenen Krematorien [Lichtbild aus der Häftlingskartei des KZ Auschwitz, 1942] der Massenmord an Juden, aber auch an Sinti und Roma nahezu "industriell" durchgeführt. An der Rampe des Vernichtungslagers wurden die ankommenden Juden "selektiert". Alte, Kranke, erschöpft Wirkende, schwangere Frauen und Mütter mit Kindern wurden in der Regel direkt in die Gaskammern gebracht. Ihre Habseligkeiten wurden an Ort und Stelle sortiert und zur weiteren Verwendung nach Deutschland geschickt. Noch "arbeitsfähige" Juden mussten Zwangsarbeit leisten, bis auch sie den Seuchen, dem Hunger oder den regelmäßigen Selektionen zum Opfer fielen und vergast wurden. Über eine Million Menschen fanden den Tod in Auschwitz, das weltweit zu einem Synonym für den Massenmord an den Juden wurde.

Im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek starben über 78.000 Menschen, darunter etwa 60.000 Juden. Allein bei der Aktion "Erntefest" am 3. November 1943 wurden bei einem Massaker innerhalb weniger Stunden sämtliche rund 18.000 Juden im Lager erschossen. Als 1944 die Ostfront näherrückte, wurden die Vernichtungslager auf Befehl Himmlers weitgehend zerstört, um keine Zeugnisse des Massenmords zu hinterlassen. Die letzten KZ-Insassen wurden auf "Todesmärschen" in den Westen gebracht. Dabei kamen ungezählte Häftlinge vor Erschöpfung um oder wurden von der SS erschossen.

Insgesamt fielen der von den Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn angestrebten "Entjudung" Europas durch Vergasung, Erschießung, Injektionen, medizinische Versuche oder durch gezieltes Verhungernlassen rund 5,6 Millionen Juden zum Opfer, davon etwa 2,7 Millionen in den Vernichtungslagern. Als "rassisch minderwertig" galten neben den Juden auch die europäischen Sinti und Roma. Mehr als 250.000 fielen den Einsatzgruppen zum Opfer oder wurden in den Vernichtungslagern vergast.

Die jüdischen Opfer des NS-Völkermords aus den einzelnen europäischen Ländern (in den Grenzen von 1937):
Belgien: 28.500
Dänemark: 116
Deutsches Reich: 165.000
Estland: 1.000
Frankreich: 76.100
Griechenland: 59.200
Italien: 6.500
Jugoslawien: 60-65.000
Lettland: 67.000
Litauen: 220.000
Luxemburg: 1.200
Niederlande: 102.000
Norwegen: 760
Österreich: 65.500
Polen: 3.000.000
Rumänien: 270.000
Sowjetunion: 1.000.000
Tschechoslowakei: 260.000
Ungarn: 200.000

 

 

Quelle und Copyright: Lebendiges Museum Online (LeMO) Deutsches Historisches Museum, Berlin Autoren des Textes sind Linde Apel und Arnulf Scriba 1939-1945 Der NS-Völkermord. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des LeMo. www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust

Fußnote 14: Felder, Ekkehart (2006): 147ff, Schoeps, Julius H.(2000): 358f.
Fußnote 15: Felder, Ekkehart (2006): 149.
Fußnote 16: Schoeps, Julius H.(2000): 359.
Fußnote 17:Felder, Ekkehart (2006): 149.
Fußnote 18: Ebd.
Fußnote 19: Ebd.
Fußnote 20: www.zukunft-braucht-erinnerung.de/holocaust.html

 

 

 

Sonnenwende

Bei der Sonnenwende (lateinisch solstitium, griechisch ἡλιοστάσιον hēliostásion ‚Stillstand der Sonne‘) handelt es sich um einen astronomischen Prozess, der zweimal jährlich stattfindet.
Zur Wintersonnenwende – auf der Nordhalbkugel am 21. / 22. Dezember – erreicht die Sonne die geringste Mittagshöhe über dem Horizont, während der Sommersonnenwende am 20.- 22. Juni ihren mittäglichen Höchststand über dem Horizont. Auf der Südhalbkugel sind die Verhältnisse umgekehrt. Diese Ereignisse markieren den Beginn des astronomischen Winters bzw. Sommers21.

In zahlreichen Staaten Mitteleuropas und den USA gelten der 21. Juni und der 21. Dezember darüber hinaus als offizieller Beginn der kalendarischen Jahreszeiten Sommer und Winter. Unterschiedliche Verbreitung finden Sonnenwende-Feierlichkeiten, die auch heute in vielen Ländern auf verschiedene Art begangen werden und auf naturreligiöse Ursprünge zurückgehen.

Seit jeher steht die Rolle der Sonne als lebensspendende Kraft im Mittelpunkt mystischer Vorstellungen. Generell wurde bereits in prähistorischer Zeit vor allem die Sommersonnenwende dort umso festlicher begangen, wo der meteorologische Unterschied zwischen einem kalten Winter und einem milden Sommer - als Lebensgrundlage urzeitlicher Gesellschaften - am stärksten ausfiel22. Es ist umstritten, welche Rolle die Sonnenwende unter anderem in der germanischen Religion hatte, es ist jedoch davon auszugehen, dass ihr nicht zuletzt auch eine soziale Bedeutung zukam. Es gibt wenige fixierte Belege religiöser Praktiken, wahrscheinlich hatten Rituale und Feuerfeste zur Vertreibung böser Geister innerhalb dieser einen festen Platz. Vermutlich wurden die Sonnenwenden auch für gemeinschaftliche Zusammenkünfte und politische Entscheidungen genutzt.

Mit der Christianisierung integrierte die Kirche die Feierlichkeiten in ihren Kanon, wobei deren Ausrichtung teilweise beibehalten wurde. So veranstaltet die katholische Kirche heute noch vielerorts am 24. Juni "Johannisfeuer" mit Bezug auf Johannes den Täufer23.
Die Nationalsozialisten instrumentalisierten die vermeintlich germanisch-naturreligiöse Tradition der Sonnenwendfeiern für ihre "Blut und Boden"-Ideologie, die ihrer "Volksgemeinschaft" – in Ablehnung des Christentums und dessen jüdischen Ursprungs – das passende Brauchtum liefern sollte. Die Sommersonnenwende und das "Julfest" (anstelle des Weihnachtsfestes) wurden in den NS-Feiertagskanon integriert und hatten durch ihre Inszenierung als Massenveranstaltungen mit Feuer, Gesängen und Auftritten von Parteigrößen vor allem einen propagandistisch-gemeinschaftsbildenden Charakter24.

In jüngster Zeit beziehen sich immer mehr völkische Rechte, NS-Nostalgiker_innen und junge Neonazis auf dieses NS-Konglomerat aus naturreligiösen Relikten und "Blut und Boden"-Propaganda als Elemente einer angeblich ursprünglichen "arteigenen" Religion. In den letzten Jahren sind sogenannte „Brauchtumsfeiern“ zu den Sonnenwenden innerhalb völkischer und neonazistischer Strukturen stärker in Mode gekommen. Auffällig an deren Ausrichtung ist, dass die Feierlichkeiten als eine Mischung aus Familienfest und Vernetzungstreffen der rechten Szene fungieren. Neonazisten_innen feiern in der Abgeschiedenheit ländlicher Idyllen und im Kreise ihrer Familien bei Lagerfeuer, Gesang und Met. Die Anwesenheit von Kindern wird speziell gefördert, ideologisch passende Unterhaltungsangebote, Fackelzüge und „Brauchtums“-Unterricht gehören zu den festen Programmpunkten für die Kleinen, die dafür sorgen sollen, dass diese möglichst in die ideologischen Fußstapfen ihrer Eltern treten.

Erwachsene Aktivisten_innen haben die Gelegenheit, sich ungestört auszutauschen und zu vernetzen – und nicht zuletzt, identitätsstiftende Rituale auszurichten. Infrastrukturelle Unterstützung erhalten die „Traditionspflege“-Events durch Sympathisanten_innen und Kameraden_innen, die oftmals ihre ländlich gelegenen Grundstücke zur Verfügung stellen. So feiern beispielsweise seit mehreren Jahren ranghohe Aktivisten_innen der niedersächsischen Neonazi-Szene (u.a. von der „Kameradschaft 73“, den „Snevern Jungs“ und „Düütschen Deerns“) in der Ortschaft Eschede bei Celle zweimal jährlich die Sonnenwende auf einem heruntergekommenen Bauernhof des NPD-Freundes Joachim Nathz25.

Ähnliche Feiern finden auch in anderen ländlichen Gegenden statt, wobei es den Neonazisten_innen auch in abgeschiedener Lage zunehmend seltener gelingt, ihre Feiern ungestört durchzuführen, da diese immer häufiger von antifaschistischen und zivilgesellschaftlichen Protesten begleitet werden. 

Text von Natalia Panteleeva (2013)

Quellen: www.tagesspiegel.de/sommersonnenwende-kampf-ums-bohnenfeld/965212.html
www.lha-rlp.de/index.php?id=546
www.lha-rlp.de/index.php?id=546de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwende
www.uni-protokolle.de/Lexikon/Sommersonnenwende.html
www.netz-gegen-nazis.de/artikel/braeuche-jul

 

 

Fußnote 21: Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwende

Fußnote 22: Vgl. www.uni-protokolle.de/Lexikon/Sommersonnenwende.html
Fußnote 23: Vgl. www.tagesspiegel.de/sommersonnenwende-kampf-ums-bohnenfeld/965212.html
Fußnote 24: Vgl. www.lha-rlp.de/index.php?id=546
Fußnote 25: Vgl. www.netz-gegen-nazis.de/artikel/braeuche-jul

 

 

Sozialdarwinismus

Der Begriff Sozialdarwinismus bezeichnet die Übertragung von Charles Darwins (1809-1882) auf Flora und Fauna bezogenen Evolutionstheorien von der natürlichen Auslese („survival oft he fittest“) auf die Analyse menschlicher Gesellschaften. Der Sozialdarwinismus geht von einem Vorrecht des Stärkeren aus, mit dem eine Unterscheidung zwischen »wertvollem«, »minderwertigem« und »wertlosem« menschlichen Leben einhergeht.


Gemeinsam mit den Rassentheorien bildete der Begriff einen Grundpfeiler nationalsozialistischer Ideologie: Die Auffassung, nach der Menschen, die für Staat und Wirtschaft nicht »nützlich« sind, als Belastung gelten, erfuhr in Zwangssterilisierungen und systematischer Ermordung von Kranken und Menschen mit Behinderungen ihre radikalste Umsetzung. Als ein zentrales Fragment rechter Ideologie motiviert er noch heute aggressive und ausgrenzende Handlungen gegenüber Schwächeren wie Obdachlosen, Menschen mit geistiger Behinderung oder Sozialschwachen.

Quelle: www.opfer-rechter-gewalt.de/wp-content/uploads/2012/06/glossar3.pdf

Siehe auch: Eintrag zu Stigma Asozial

 

 

Streik bei Ford 1973

Serhat Karakayali: Der Ford Streik.
Vom Arbeitskräfteabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei vom Oktober 1961 profitierten in Köln vor allem die Ford-Werke. 1973 bereits war mehr als ein Drittel der Belegschaft türkischer Herkunft, sie arbeiteten vor allem an den Fließbändern in der Endmontage. Wenn man in den 50er und 60er Jahren einen Unternehmer fragte, warum er GastarbeiterInnen beschäftige, so war als Antwort nicht selten zu hören, sie seien fleißiger, seltener krank und insgesamt anspruchsloser. Obwohl die Kanaken vielerorts bald den Beweis antraten, dass sie so brav nicht waren, hat sich die Mär vom zuverlässigen und treuen Ausländer lange gehalten. Ein Grund dafür ist die kollektive Amnesie, unter der die lange Geschichte migrantischer Kämpfe in Deutschland begraben liegt. Der vielleicht bekannteste unter diesen unbekannten Kämpfen war der so genannte Türkenstreik in den Ford-Werken in Köln-Niehl im August 1973.

Auslöser des „Türkenstreiks“ war die fristlose Entlassung von 300 türkischen Arbeitern, die ihren vierwöchigen Jahresurlaub eigenmächtig verlängert hatten. Aber es ging um mehr als das. Bereits im Frühjahr war es in vielen Betriebsversammlungen zu Unmutsbekundungen der Arbeiter, unter ihnen auch viele Türken, gekommen. Auf Unterschriftenlisten hatten sie die Vertrauensleute der Gewerkschaft aufge-
fordert, sich für Lohnerhöhungen einzusetzen. Von der Forderung nach 50 bis 70 Pfennig mehr pro Stunde blieb nach den folgenden Vertrauenskörpersitzungen jedoch nur noch die abstrakte Aufforderung an die Gewerkschaft übrig, den geltenden Tarifvertrag vorzeitig zu kündigen. Die kanakischen Arbeiter mussten die monotonsten und gefährlichsten Arbeiten ausführen und wurden dafür schlecht bezahlt. AlsArbeiter an der Bandstraße verdienten die meisten Türkeneinen Stundenlohn zwischen 7,15 und 8,24 Mark, während die Deutschen als Facharbeiter zwischen 8,98 und 10,59 Mark verdienten. Dies war der Hintergrund und wohl die eigentliche Ursache der Revolte von 1973.

Auf einer Betriebsversammlung eine Woche vor Beginn des Streiks erklärten sich die türkischen Arbeiter solidarisch mit den Entlassenen, während die Mehrheit der deutschen Kollegen die Entlassungen und Disziplinarverfahren – zum Teil applaudierend – befürwortete: Sie selbst waren immer pünktlich gewesen, sollte das nicht auch für die anderen gelten? Zum anderen hatten sie wenig Verständnis für die Situation der türkischen Kollegen, die von den vier Wochen Werksurlaub zehn Tage auf der An- bzw. Abreise verbrachten, wodurch ihnen nicht mal drei Wochen bei der Familie blieben. Dennoch waren zu Beginn auch deutsche Kollegen an dem Streik beteiligt, wenn auch zögerlich. Als klar wird, dass die durch die Entlassungen entstehende Mehrarbeit auf die Verbliebenen umverteilt werden sollte, wächst der Unmut unter den Arbeitern. Viele fluchen laut vor sich hin, die Stimmung ist gereizt, aber die Arbeit geht weiter. Bis ein Türke mit dem Ruf „Kollegen, wie lange sollen wir uns das gefallen lassen?!“ die Barriere durchbricht. Innerhalb weniger Minuten streikt die gesamte Endmontage-Halle. Zu diesem Zeitpunkt standen drei Forderungen im Zentrum: Zurücknahme der Entlassungen, eine Mark mehr pro Stunde für alle und die Herabsetzung der Bandgeschwindigkeit. In den nächsten zwei Tagen weitet sich der Streik innerhalb der Ford-Werke aus. Gleichzeitig führt der Betriebsrat Verhandlungen mit der Geschäftsleitung.

Ab Montag, dem 27. 8., kommt es zur Wende im Streik,denn es zeichnet sich ab, dass die Verhandlungen zu keinem Ergebnis führen und der Betriebsrat von der Mehrheit der Arbeiter ohnehin nicht mehr als legitime Vertretung akzeptiert wird. Als ein türkischer Betriebsrat die Streikenden aufforderte, wieder an die Arbeit zu gehen, wird er ausgepfiffen und mit Äpfeln beworfen. Von den Türken wurde die Parole „Sendika satilmis“ geprägt: die Gewerkschaft ist käuflich.
In den Medien war bis zu diesem Zeitpunkt von einer zwar illegalen, aber verständlichen Arbeitsniederlegung gesprochen worden. Zentral war dabei offenbar, dass sich bisher auch deutsche Kollegen dem Streik ange-schlossen hatten. Nachdem auf einer Versammlung eine unabhängige Streikleitung gewählt worden war, hatten Geschäftsleitung und Betriebsrat offenbar ihre Strategie geändert. Übers Wochenende wurden die Arbeiter der Spätschicht über Radio, Fernsehen und sogar in Durchsagen in den Straßenbahnen aufgefordert, nicht zur Arbeit zu erscheinen. Die Geschäftsleitung wollte den Streik durch Reduzierung des Streikpersonals beenden. Denn es wurde entgegen der deutschen Gewerkschaftstradition nicht von „zu Hause aus“ gestreikt. Die Türken, einige Italiener und nur noch wenige Deutsche übernachteten im Pol-sterlager des Ford-Werkes und organisiertenden Streik von hier aus. Danach aber setzte eine Politik der Spaltung ein. Gewerkschaft und Betriebsrat organisierten eigene Demonstrationen und konnten die Mehrheit der deutschen KollegInnen für sich gewinnen.
Am Mittwoch, den 29. 8., standen von den Deutschen nur noch Lehrlinge und jüngere Aushilfsarbeiter auf der Seite der Streikenden. Die radikale Haltung der Arbeiter, hieß es nun, sei durch „fremde Kräfte“ geschürt. Überschriften wie „Türken-Terror bei Ford“ und „Übernehmen die Gastarbeiter die Macht?“ dokumentieren, wie der Arbeitskampf in eine Art Krieg der Mentalitäten umgedeutet wurde. Plötzlich ging es nicht mehr um Lohnforderungen, Entlassungen und Arbeitsbedingungen, sondern um die Ausländer, die das deutsche Tarifsystem nicht richtig verstehen.

Die Geschäftsleitung beendete schließlich nach knapp einer Woche den Streik gewaltsam, indem unter dem Schutz einer „Gegendemonstration“ von so genannten Arbeitswilligen in Meisterkitteln Polizeikräfte auf das
Werksgelände eindrangen und damit begannen, „Rädelsführer“, d. h. die Streikleitung, zu verhaften. Unter den Verhafteten ist Baha Targün, den die Türken als Ersten in das Streikkomitee gewählt hatten. Er wird später ausgewiesen werden, seine Spur verliert sich in der Türkei. Über 100 türkische Arbeiter wurden fristlos entlassen, etwa 600 nahmen das Angebot an, die fristlose in eine „freiwillige“ Kündigung umzuwandeln. Viele erschienen aus Wut, Frust oder Angst nicht zur Arbeit oder weil sie die Erniedrigung nicht ertragen wollten. Es ist kein Fall bekannt geworden, in dem der Betriebsrat gegen eine Entlassung Einspruch eingelegt hätte.

Der Streik war letztlich an der Spaltung in Deutsche und Ausländer gescheitert. Werksleitung, Betriebsrat und Medien hatten es nach und nach geschafft, die ohnehin schon strukturell unterschiedlichen Interessen, ideologisch zu verfestigen. Die deutschen Arbeiter hatten die besseren Jobs und verdienten mehr, warum sollten sie also streiken? Den Streikenden wiederum war es nicht gelungen, diese Logik zu durchbrechen. Vielleicht wäre es gelungen, die Spaltung zu überwinden, wenn man sie nicht bloß als ideologische Verblendung betrachtet hätte. Denn der Rassismus war vielmehr materiell fundiert, d. h. in der bundesdeutschen Ökonomie wurde mit den Kanaken die Segmentierung des Arbeitsmarkts rassistisch strukturiert.“

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Bausteins zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit

Quelle: Serhat Karakayali: Der Ford Streik. In: Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit http://baustein.dgb-bwt.de/PDF/C9-Fordstreik.pdf

Der Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit mit Vorschlägen und Materialien für ein antirassistisches Mainstreaming kann unter folgender Adresse online genutzt oder bestellt werden: www.baustein.dgb-bwt.de

 


Weitere Texte:

Serhat Karakayali: Sechs bis acht Kommunisten, getarnt in Monteursmänteln. www.kanak-attak.de/ka/text/fordstreik.html

„Kanak Attak ist der selbstgewählte Zusammenschluss verschiedener Leute über die Grenzen zugeschriebener, quasi mit in die Wiege gelegter "Identitäten" hinweg. Kanak Attak fragt nicht nach dem Paß oder nach der Herkunft, sondern wendet sich gegen die Frage nach dem Paß und der Herkunft. Unser kleinster gemeinsamer Nenner besteht darin, die Kanakisierung bestimmter Gruppen von Menschen durch rassistische Zuschreibungen mit allen ihren sozialen, rechtlichen und politischen Folgen anzugreifen.“ www.kanak-attak.de/ka/about.html